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	<title>Gastautor, Autor bei Analytische Kritik</title>
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	<title>Gastautor, Autor bei Analytische Kritik</title>
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		<title>WTF-Talk über den Justizskandal rund um Josephine R.</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gastautor]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Nov 2025 13:17:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1. Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Alle]]></category>
		<category><![CDATA[Josephine R.]]></category>
		<category><![CDATA[Systemversagen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im aktuellen Talk aus dem November 2025  diskutieren Lydia Benecke und Bernd Harder mit Susanna Niehaus, Hochschule Luzern, sowie Spiegel-Redakteur Christopher Piltz über einen Fall, wo alle Beteiligten systematisch versagt haben: die Ereignisse rund um die junge Frau Josephine R.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://analytische-kritik.de/1-rezensionen/wtf-talk-ueber-den-justizskandal-rund-um-josephine-r/">WTF-Talk über den Justizskandal rund um Josephine R.</a> erschien zuerst auf <a href="https://analytische-kritik.de">Analytische Kritik</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<h3 class="wp-block-heading has-text-align-center">WTF-Talk über den Justizskandal rund um Josephine R.</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Im aktuellen Talk aus dem November 2025 diskutieren Lydia Benecke und Bernd Harder mit Susanna Niehaus, Hochschule Luzern, sowie Spiegel-Redakteur Christopher Piltz über einen Fall, wo alle Beteiligten systematisch versagt haben: die Ereignisse rund um die junge Frau Josephine R.</p>



<figure class="wp-block-embed aligncenter is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube"><div class="wp-block-embed__wrapper">
<iframe title="WTF Talk vom 03.11.2025 - Der Fall Josephine  Ein deutscher Justizskandal" width="900" height="506" src="https://www.youtube.com/embed/dV-IslqIWYw?start=2993&#038;feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe>
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<p class="has-text-align-left has-small-font-size wp-block-paragraph">Video: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=dV-IslqIWYw&amp;t=2993s">YouTube Kanal Lydia Benecke</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Christopher Piltz, der dazu eine umfangreiche <a href="https://www.spiegel.de/panorama/justiz/fall-josephine-r-falsche-vergewaltigungsvorwuerfe-auf-den-spuren-eines-justizskandals-a-cae9f738-2248-4859-b104-511669292a60" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Hintergrundberichterstattung veröffentlicht hat</a>, fasst die ineinander verzahnten Verfahren zusammen (vgl. Min 4:52 ff.): Josephine R. hat ihre Familie mit so ziemlich allem beschuldigt, was das Narrativ von ritueller Gewalt und Mind Control hergibt. Die polizeilichen Ermittler äußerten zu Beginn des Verfahrens ziemliche Zweifel, standen mit dieser Meinung jedoch alleine da. Die Staatsanwältin, die große Schwurgerichtskammer, eine Opferanwältin, ein Glaubhaftigkeitsgutachter, Joesphine R.s Therapeut und andere bildeten eine breite Phalanx, auf deren Basis ein Urteil gefällt wurde, das in langen Haftstrafen der Eltern mündete. <em>„Es wurde hier ein Horroszenario kreiert, das kann man heute so sagen, weil nichts davon stimmt“</em>, resümiert der Journalist den unglaublichen Verlauf dieses Gerichtsverfahrens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie konnte es so weit kommen, dass die Eltern zwei Jahre unschuldig inhaftiert waren bis der BGH im Frühsommer 2024 das Urteil kippte? Eine Frage, die beschäftigt: <em>„Bis auf diese Polizisten haben alle dieser Frau geglaubt und das nicht nur einmal oder zweimal, sondern über mehrere Jahre. Über viele, viele Aussagen hinweg &#8211; soweit, dass am Ende gegenüber einem Dutzend Menschen namentlich ermittelt wurde. Um die 60 Personen waren als potenzielle Täter im Blick der Polizei. Es war ein riesen Kreis. Und das ist wirklich ein ziemlicher Skandal“</em>, beschreibt Christopher Piltz das Grundproblem. <em>„Die Zweifel waren immer wieder kurz da und wurden aber von den meisten Beteiligten am Ende weggewischt“</em>. In der Genese dieses Falles gab es viele Momente, wo man hätte anders entscheiden können, doch diese wurden nicht genutzt, berichtet er.</p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Von mangelnder professioneller Distanz zum Systemversagen</strong></h4>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Fakten wurden umgedeutet, Gegenbeweise nicht wahrgenommen oder weggeredet, es gab suggestive Vorgaben. Also in dieser Geschichte ist alles falsch gelaufen, was nur irgendwie passieren konnte“</em>, <a href="https://www.spiegel.de/panorama/justiz/der-fall-josephine-r-ein-unglaublicher-justizskandal-podcast-a-ab4575c7-c989-46df-a8b9-c5f397a2e1a6" target="_blank" rel="noreferrer noopener">fasst Bernd Harder (Min 46.22) die Einschätzung von Rechtspsychologin Susanna Niehaus aus dem Spiegel-Artikel </a> zusammen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn zum schlussendlichen Justizskandal haben unzählige Mosaiksteinchen beigetragen, nicht nur die bereits erwähnten übergangenen Bedenken der Ermittler. Auch ein zweites rechtspsychologisches Gutachten ignorierte die im ursprünglichen Gutachten aufgezeigten Widersprüche hinsichtlich der Aussagen von Josephine R. – und das unter Missachtung des etablierten methodischen Standards, wie Susanna Niehaus ausführt (vgl. Min. 13ff.): <em>„Kurz gefasst kann man sagen, die eine Person hat sich an die methodischen Standards gehalten, die wir haben, die andere Person hat das nicht ansatzweise getan.“</em> Ein „<em>Systemversagen</em>“, wie die Professorin an späterer Stelle hinzufügt (vgl. Min 46.40ff).</p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Falsch verstandener Opferschutz</strong></h4>



<p class="wp-block-paragraph">Eine gewichtige Rolle in der Verkettung der Ereignisse, die rückblickend niemals so hätten passieren dürfen, spielte mangelnde professionelle Distanz, die es auf allen Ebenen gegeben hat. Niehaus bringt hierzu (vgl. Min 27.00ff.) einen eindrücklichen Vergleich von Josephine R. mit einem Puppenspieler, der seine Marionetten nach seinen Vorstellungen benutzt: <em>„Sie kriegt das sehr gezielt hin, die Leute genau mit dem Thema zu bedienen, worauf sie anspringen könnten“</em> &#8211; von einer religiösen Schiene bei ihrem Therapeuten, über mögliche Muttergefühlen bei ihrer Rechtsvertreterin bis hin zu emotionaler Befangenheit im Strafverfahren. Der letzte Punkt wiegt besonders schwer: <em>„Ein Ermittlungsverfahren ist dafür da, erst einmal herauszufinden, ob und was stattgefunden hat und nicht emotional befangen davon auszugehen, dass ganz schlimme Sachen stattgefunden haben.“</em> Ein derart mangelndes professionelles Handeln sei falsch verstandener Opferschutz, so Niehaus weiter(vgl. Min 1:07:15ff). Ihr Fazit: <em>„Ich hätte mir zwar gewünscht, dass so ein Fall nicht notwendig ist, damit man wieder nachdenkt, und sich erinnert, was die Standards sind, die in Konsequenz <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wormser_Prozesse" target="_blank" rel="noreferrer noopener">der Wormser Prozesse</a> erarbeitet worden sind.</em>“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau dieser falsch verstandene Opferschutz ist ein zentraler Aspekt für die Expert:innen dieses Talks: Menschen werden geschädigt, betont Lydia Benecke, wenn nicht professionell gearbeitet wird (vgl. Min 50.01ff.). Das könne zu Scheinerinnerungen, Falschbeschuldigungen, Falschverurteilungen und auch zur Vernichtung von Existenzen führen – wie im Anlassfall. Die Psychologin warnt an dieser Stelle noch einmal davor (vgl. Min. 1:01:30), von Symptomen abzuleiten, dass jemand Missbrauch und Gewalt erlebt habe und diese als eindeutigen Beleg dafür anzusehen. Denn genau mit dieser Vorannahme wurde im Fall Josephine R. offenbar gearbeitet – und das war „<em>der Ausgangspunkt für eine immer größer werdende Geschichte</em>“.</p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Klare Verantwortlichkeiten</strong></h4>



<p class="wp-block-paragraph">Und was ist mit Josephine R.? Als Opfer sei sie nicht zu sehen, sagt Susanna Niehaus, wenn dann als Opfer ihrer eigenen Vorgehensweise, ihrer Ideen (vgl. Min 55.00ff). Aber auch sie werde durch diesen Fall geschädigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben dem kompletten Systemversagen auf professioneller Ebene bleibt die Frage nach den Beweggründen von Josephine R. offen. Sie wird als gezielt vorgehender, hochmanipulativer Mensch beschrieben, die in ihren Schilderungen so ziemlich alle Inhalte des Narrativs gebracht habe – von schwarzen Kutten und Pentagrammen bis hin zu Säuglingstötung: <em>„Diese Erzählung von ihr wird immer schlimmer, es werden immer mehr Taten und es werden immer mehr Täter, von denen sie berichtet. Und es werden auch immer mehr Menschen, denen sie davon berichtet.“</em> (Min 21.56 ff.) Josephine R.s Therapeut, so Piltz, wird später vor Gericht aussagen, dass er ihr so ziemlich alles geglaubt habe und eine Beziehung mit ihr eingegangen sei, die weit über das Therapeutische hinausging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses besondere Gespür von Josephine R., welche Menschen in welcher Form auf ihre Erzählungen reagieren würden, hebt auch Lydia Benecke hervor (vgl. Min 31.30ff), kritisiert aber klar die fehlende Grenzziehung in der Therapie: „<em>Ich glaube auch nicht, dass sie das bei jedem geschafft hätte“.</em> Die Psychologin betont die klaren Verantwortlichkeiten was das Eingehen einer privaten Beziehung im therapeutischen Setting angeht: <em>„Egal wie manipulativ Josephine ist, er ist derjenige, der diesen Beruf ausübt und er muss dafür sorgen, dass er die professionelle Distanz, das hat er nicht und die Verantwortung sehe ich bei ihm.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen Josephine R. laufen die Ermittlungen weiter, es steht ein Verfahren wegen Falschaussage und Vortäuschung einer schweren Straftat im Raum. Es bleibt zu hoffen, dass ein Gutachten über die junge Frau, das möglicherweise während des kommenden Prozesses erstellt werden könnte, hier etwas Licht ins Dunkel bringt.</p>



<center><hr style="width: 500px; border: none; height: 2px; background: linear-gradient(to right, #0E2C40, #1A4A5A, #51a2bd); margin: 30px 0;"></center>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zum Weiterlesen: </strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://skeptix.org/2025/11/11/the-devil-you-know-wie-verschwoerungsnarrative-in-psychotherapien-gelangen/">The Devil You Know: Wie Verschwörungsnarrative in Psychotherapien gelangen</a></li>
</ul>
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			</item>
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		<title>ROGD &#8211; eine problematische Hypothese</title>
		<link>https://analytische-kritik.de/alle/rogd-eine-problematische-hypothese/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Gastautor]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 05 Oct 2024 13:04:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[3. Transgender und Transfeindlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Alle]]></category>
		<category><![CDATA[Ansteckung]]></category>
		<category><![CDATA[ROGD]]></category>
		<category><![CDATA[Transgender]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>ROGD wurde von keinem psychologischen Verband oder Diagnosemanual als valider Diagnostikbegriff anerkannt. Im Gegenteil, Fachverbände und peer reviewed-Journals raten dezidiert von der Verwendung des Begriffes ab, da dieser wissenschaftlich nicht beweisbar ist - was u.a. eine 2022 durchgeführte klinische Studie belegt. Zudem weist die Hypothese von RODG eklatante methodische Mängel auf (dazu weiter unten im Text).</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph" style="font-size:22px"><strong>ROGD &#8211; eine problematische Hypothese</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">„Plötzlich einsetzende Geschlechtsdysphorie“, wie sich der Begriff <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Rapid-onset_gender_dysphoria_controversy" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ROGD (rapid onset gender dysphoria)</a> ins Deutsche übersetzen lässt, ist das „Eingemachte“ des Kulturkampfs zum Thema trans, der polarisiert, spaltet und vor allem eines tut: nämlich auf Kosten von Kindern und Jugendlichen ausgetragen wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">ROGD wurde von keinem psychologischen Verband oder Diagnosemanual als valider Diagnostikbegriff anerkannt. Im Gegenteil, Fachverbände und peer reviewed-Journals raten dezidiert von der Verwendung des Begriffes ab, da dieser wissenschaftlich nicht beweisbar ist &#8211; was u.a. eine <a href="https://www.jpeds.com/article/S0022-3476(21)01085-4/fulltext" target="_blank" rel="noreferrer noopener">2022 durchgeführte klinische Studie</a> belegt. Zudem weist die Hypothese von RODG eklatante methodische Mängel auf (dazu weiter unten im Text).</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Hypothesengenerierung mittels Anonym-Befragung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Die Hypothese von <em>rapid onset gender dysphoria</em> geht ursprünglich auf eine Untersuchung von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lisa_Littman" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Lisa Littman</a> aus dem Jahr 2018 zurück, die <a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6095578/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">in einer deskriptiven Studie</a> mittels anonym auszufüllendem, 90 Items umfassenden Online-Fragebogen ihre Ergebnisse erhob. Dazu wurden die Einladungslinks dieser Befragung auf vier einschlägigen Webseiten und Foren platziert, wo sich Eltern über das Thema trans austauschten. Drei der vier Seiten waren jedoch alles andere als neutrale Anlaufstellen, so trug eine Webseiten den Titel „<em>Transgendertrend</em>“ und verstand sich als Austauschgruppe für Eltern, die besorgt über den „Trend“ der trans-Diagnose für Kinder waren (<em>„are concerned about the current trend to diagnose &#8218;gender non-conforming&#8216; children as transgender“</em>). Eine andere Seite verstand sich expressis verbis als „<em>safe place for gender-skeptical parents and their allies</em>“. Mit dem Fragebogen sollten demgemäß vornehmlich Eltern erreicht werden, die sich auf thematisch kritischen Websites und Online-Gruppen tummelten. In Folge wurden auch die Moderatoren der Webseiten gezielt dazu angehalten, die Einladung zur Studienteilnahme im Schneeballeffekt weiter zu teilen &#8211; ein Vorgehen, dessen Bias nicht offenkundiger sein könnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Die <a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6095578/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">256 Fragebögen dieser anonymen Eltern-Befragung</a> brachten folgende Ergebnisse: 82,8 % der trans Jugendlichen, deren Eltern an der Studie teilnahmen, waren weiblich geboren, zum Zeitpunkt der Datenerhebung durchschnittlich 16,4 Jahre alt und hatten zu über 62,5 % im Vorfeld die Diagnose einer psychischen Störung oder neurologische Entwicklungsstörung erhalten. Auch die Zusammensetzung der Peer-Groups wurde abgefragt: Bei 36,8 % der Jugendlichen identifizierte sich die Mehrheit des Freundeskreises ebenfalls als trans.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Aus diesen Ergebnissen leitete Littman die Hypothese von trans als soziale Ansteckung durch Peer-Gruppen-Phänomen (<em>&#8222;cluster outbreaks</em>&#8222;) und Social Media ab und gab dieser (in Anlehnung an der etablierten Begriff der Geschlechtsdysphorie) den Namen: ROGD – <em>rapid onset gender dysphoria</em>. Dazu mutmaßt sie, dass die Identifizierung als trans eine Bewältigungsstrategie sein könnte, um mit anderen psychischen Problemen oder negativen Emotionen umzugehen und zieht Vergleiche mit der sozialen Ansteckung bei Anorexie und selbstverletzendem Verhalten (siehe hierzu auch folgenden Artikel: <a href="https://debunking-moralpanic.de/gesamt/rogd-der-vergleich-mit-pro-ana/">Link</a>).</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Biased Resultate &#8211; und die berechtigte Kritik daran</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Die ROGD-Hypothese hat jedoch mehr als nur einen  Haken. Um mit dem Offensichtlichsten anzufangen: Es wurden so ziemlich alle befragt (Stichwort: <em>anonyme</em> Onlineerhebung) außer diejenigen, die es wirklich angeht &#8211; nämlich die betroffenen Jugendlichen selbst. Dies steht nicht nur der Aussagekraft der Studie entgegen, sondern widerspricht auch sämtlichen Grundsätzen einer partizipativen Forschung nach dem Motto: „<em>Nichts über uns ohne uns</em>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px"><a href="https://juliaserano.medium.com/everything-you-need-to-know-about-rapid-onset-gender-dysphoria-1940b8afdeba" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Aktivistin Julia Serano fasst die Kritikpunkte an der Studie zusammen</a>: Erstens ist die Studien-Plattform PlosOne, auf der Littman publizierte, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/PLOS_One" target="_blank" rel="noreferrer noopener">durchaus mit Vorsicht zu genießen</a>, zweitens ist aufgrund einer Korrelation zweier Faktoren (Geschlechtsinkongruenz des Teenagers und dazu viele trans Jugendliche im Freundeskreis) nicht auf eine etwaige Kausaliät zu schließen, in dem Sinne, dass ein Faktor den anderen ursächlich bedingt. Und drittens widerlegt Serano in ihrem Text das Argument der sozialen Ansteckung und führt den Vergleich mit der Entwicklung von Linkshändigkeit im 20. Jahrhundert an: Diese ist eklatant angestiegen, nachdem Linkshänder zu sein nicht mehr sozial stigmatisiert wurde und Menschen ihre natürliche Veranlagung nicht länger unterdrücken mussten.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Es ist davon auszugehen, dass sich Studienautorin Littman, die eine Professur an der renommierten Brown University, Rhode Island, innehat, der Problemfelder in der Aussagengenerierung und der eindeutigen Bias bzw. Voreingenommenheit der befragten Personen bewusst sein musste – und in Folge auch des sozialwissenschaftlich problematischen Untersuchungsdesigns. </p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Methodendesign, das bekannt vorkommt &#8230; </strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Apropos Forschungsdesign: Lisa Littman schreibt gegen Ende der Studie über die Limitationen ihrer Forschung, deren Aufschlüsselung  (nicht nur) in der Sozialwissenschaft zu den Gepflogenheiten zählt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-palette-color-1-color has-light-gray-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em>&#8222;Zu den Einschränkungen dieser Studie gehört, dass es sich um eine deskriptive Studie handelt und somit die bekannten Einschränkungen aller deskriptiven Studien bestehen. Es handelt sich nicht um eine Prävalenzstudie und es wurde nicht versucht, die Prävalenz von Geschlechtsdysphorie bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu bewerten, die keine Symptome in der Kindheit gezeigt hatten. Ebenso konnten die Ergebnisse dieser Studie nicht aufzeigen, inwieweit das Auftreten von Symptomen der Geschlechtsdysphorie sozial vermittelt oder mit einem maladaptiven Bewältigungsmechanismus verbunden sein könnte, obwohl diese Hypothesen hier diskutiert wurden. Das Sammeln weiterer Daten zu den vorgestellten Themen ist eine wichtige Empfehlung für weitere Studien.&#8220;</em></p>
<cite>https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6095578/, Littman-Studie aus 2018; übersetzt ins Deutsche</cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Zynische Leser  könnten diese Darstellung der Limitationen auch mit einem Webseiten-Disclaimer vergleichen, wo die vertretenen Meinungen lediglich die des Eigentümers darstellt.  Zumindest aber sind Littmans Limitationen ein dickes, fettes <em>Cave</em> im Umgang mit der Hypothese &#8211; das jedoch bewusst (?) vom Mainstream ignoriert wird, der ihre Aussagen unhinterfragt und dankbar repliziert. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Warum kommt diese Darstellung gerade so verdammt bekannt vor?</em> Richtig &#8230; es erinnert an die Vertreter der Rituelle-Gewalt-Mind-Control-These, die nach ähnlichem Muster zu arbeiten scheinen: Hier wie da existiert jeweils eine anonym auszufüllende Online-Befragung, die gezielt auf  Plattformen verbreitet wird, auf denen sich (nur) User bewegen, die eine ganz bestimmte Positionierung zu einem Thema haben. Und da wie dort werden die Ergebnisse 1:1 als angebliche &#8222;Beweise&#8220; für bestimmte Sichtweisen zigfach repliziert, obwohl sie eines nicht schaffen: nämlich Fakten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So führen Nick, Schröder et. al (siehe hierzu u.a.: <a href="https://dissoziationen.de/news/wenn-wahrheit-nebensache-ist/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://dissoziationen.de/news/wenn-wahrheit-nebensache-ist/</a>) in ihrer Studie über rituelle Gewalt zum Thema Limitationen folgendes an:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-palette-color-1-color has-light-gray-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph">&#8222;Bei der Interpretation der Ergebnisse dieser Studie soll hervorgehoben werden, dass das Auswahlverfahren der „anfallenden Stichprobe“ keine speziellen Auswahlkriterien anlegt und somit weder besonders informationshaltige Fälle gewinnt, noch Fälle, die Repräsentativität für die Grundgesamtheit beanspruchen könnten. (&#8230;)&#8220;</p>
<cite><a href="https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/a-1123-3064">https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/a-1123-3064</a></cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Die Aussage ist also &#8211; überspitzt formuliert -, dass man in Wahrheit nichts aussagen kann.</em> Doch dann ist es bereits zu spät &#8211; denn wer liest schon das Kleingedruckte im &#8222;Beipackzettel zu Risiken und Nebenwirkungen&#8220;, wenn es um Studien geht, die sich perfekt als Social Media-Appetithäppchen und mediale Munition eignen, um die eigenen Ansichten &#8222;perfekt&#8220;  zu untermauern? </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Quod erat demonstrandum</em>. Oder eben nicht, denn um Beweise ging es nicht &#8211; in beiden Fällen sind es rein deskriptive (!) Daten, die etwas &#8222;belegen&#8220; sollen. Oder könnte es sein, dass da wie dort (bewusst) eine Hypothese in der Hoffnung in den Raum gesetzt wurde, dass ein paar Phrasen davon beim Leser hängenbleiben? Und in der Annahme, dass möglichst niemand kritisch (hinter)fragt: Im Fall der Satanic Panic, dass <a href="https://www.researchgate.net/publication/327721702_Organisierte_und_rituelle_Gewalt_in_Deutschland_Kontexte_der_Gewalterfahrungen_psychische_Folgen_und_Versorgungssituation" target="_blank" rel="noreferrer noopener">fast die Hälfte der Befragten</a> Satanismus als Täterzugehörigkeit für rituelle Gewalt angab &#8211; im Fall von ROGD, dass trans als Jugenddtrend auf sozialer Ansteckung basiere.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einmal in die Welt gesetzt, lässt sich weder die eine noch die andere Aussage mehr stoppen. Und <em>voilà</em> &#8211; die Zutaten einer Moralpanik sind bereit. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass es im Nachgang von Littman eine <a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6424391/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Correction Notice</a> mit Klarstellungen gibt bzw. eine <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s10508-023-02576-9" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ähnliche Studie</a> von Diaz/Bailey <a href="https://katjat.medium.com/the-road-to-retraction-j-michael-bailey-and-rogd-9b0e89b8ba7b" target="_blank" rel="noreferrer noopener">im Juni 2023 zurückgezogen wurde</a> (wie im Falle der ROGD-Hypothese) oder dass <a href="https://dissoziationen.de/2023/03/20/um-den-heissen-brei-herum/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ein Studienautor öffentlich zurückrudert</a>, und sagt, man habe <em>&#8222;keine Fakten präsentieren&#8220; </em>wollen (wie bei rituelle Gewalt-Mind Control geschehen) &#8211; wird zu oft geflissentlich überhört. Einmal in aller Munde ist eine Hypothese wie ROGD trotz Klarstellung nur schwer zu relativieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Irreversibler Schaden</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Sichtweise von trans als &#8222;Trend&#8220; und soziale Ansteckung hat sich in den  Köpfen von Eltern, Radikalfeminst:innen (und teilweise auch anerkannten Skeptikern) eingebrannt. Dass dies heftige Konsequenzen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen haben kann, zeigt Julia Serrano auf:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-palette-color-1-color has-light-gray-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:18px">„<em>Es [die Hypothese; Anm.] bietet widerstrebenden Eltern einen Vorwand, die Geschlechtsidentität ihres Kindes nicht zu glauben und abzulehnen, unter der Annahme, dass es sich lediglich um ein Nebenprodukt von ROGD handelt. Es liefert auch eine Begründung dafür, die Interaktionen ihres Kindes mit Transgender-Kollegen und den Zugang zu Transgender-Informationen einzuschränken, da solche Dinge die angebliche Ursache der Erkrankung sind.“ </em></p>
<cite><em><a href="https://juliaserano.medium.com/everything-you-need-to-know-about-rapid-onset-gender-dysphoria-1940b8afdeba" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://juliaserano.medium.com/everything-you-need-to-know-about-rapid-onset-gender-dysphoria-1940b8afdeba</a>, übersetzt ins Deutsche</em></cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Der Schaden in der öffentlichen Wahrnehmung ist also angerichtet und fast scheint es, als sei er <em>irreversibel</em>. Ja, dies erinnert an den gleichlautenden Buchtitel von Abigail Shrier „<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Irreversible_Damage"><em>Irreversible Damag</em>e</a>“ – bloß, dass es eben genau umgekehrt ist, als die Autorin Shrier es festzumachen glaubt. Mehr dazu in einem Folgeartikel.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph"><strong>UPDATE JULI 2024: </strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade ist ein <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s40211-024-00500-8">neuer Fachartikel zu diesem Thema erschienen</a>, der sich mit der Hypothese von Littman befasst und versucht, die beiden sehr konträren Sichtweisen übersichtlich darzustellen. Es wird u.a. folgende Überlegung angestellt, die über das Feld von ROGD hinausgeht: &#8222;<em>Do preexisting psychiatric conditions act as a catalyst for gender dysphoria or are they rather the consequence of a preexisting, yet unidentified, gender dysphoria?</em>&#8220; (ebd. S. 4). Hier sind wir beim bekannten &#8222;Chicken or egg&#8220;-Problem angelangt, das die Fragestellung beinhaltet, was zuerst da war, das Huhn oder das Ei. Der vorliegende Fachartikel zitiert aktuelle Studien zu diesen Überlegungen. Danach werden &#8211; unter Vorbehalt wegen der zu geringen Datenmenge &#8211; die Befragungsergebnisse von de-trans Personen (detransitioners) über prä-existierende psychische Erkrankungen erwähnt bevor der Artikel auch auf das Peer-Gruppen basierte Konzept der sozialen Ansteckung hinweist und das Beispiel von Essstörungen bringt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Fazit fordern die Autor:innen des Fachartikels eine breitere Forschung, um Littmans These zu untermauern oder zu widerlegen: <em>&#8222;In summary, it becomes clear that neither prematurely adopting ROGD as a valid explanatory model nor its hasty condemnation as transphobic is an appropriate response. It is hard to deny that Littman’s research has made an important contribution to the discourse. It is now the task of the scientific community to take up this contribution and build on it with further research.&#8220;</em> (ebd. S. 6f.) </p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px"><strong>Weiterführende Links:</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li style="font-size:18px"><a href="https://feuerbringer.wordpress.com/2023/07/15/transphobie-psychologische-fachorganisationen-zu-rapid-onset-gender-dysphoria-rogd/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Transphobie: Psychologische Fachorganisationen zu Rapid Onset Gender Dysphoria&nbsp;(ROGD)</a></li>



<li style="font-size:18px"><a href="https://www.watson.ch/wissen/analyse/372870434-rogd-studie-wie-ideologie-die-transgender-forschung-einschraenkt" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ROGD-Studie abgeschossen – wie Ideologie die Trans-Forschung einengt</a></li>



<li style="font-size:18px"><a href="https://juliaserano.medium.com/everything-you-need-to-know-about-rapid-onset-gender-dysphoria-1940b8afdeba" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Alles, was Sie über schnell auftretende Geschlechtsdysphorie wissen müssen</a></li>



<li style="font-size:18px"><a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s10508-019-1453-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Methodische Kritik an Littmans (2018) Elternberichten über „schnell einsetzende Geschlechtsdysphorie“</a></li>



<li style="font-size:18px"><a href="https://register.awmf.org/assets/guidelines/138-001l_S3_Geschlechtsdysphorie-Diagnostik-Beratung-Behandlung_2019-02.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung</a></li>
</ul>
<p>Der Beitrag <a href="https://analytische-kritik.de/alle/rogd-eine-problematische-hypothese/">ROGD &#8211; eine problematische Hypothese</a> erschien zuerst auf <a href="https://analytische-kritik.de">Analytische Kritik</a>.</p>
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		<title>Ein Buch, das schadet: „Irreversible Damage“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gastautor]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 05 Sep 2024 13:04:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[3. Transgender und Transfeindlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Alle]]></category>
		<category><![CDATA[Abigail Shiers]]></category>
		<category><![CDATA[Michael Shermer]]></category>
		<category><![CDATA[Skeptiker]]></category>
		<category><![CDATA[Trans Feindlichkeit]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://analytische-kritik.de/?p=930</guid>

					<description><![CDATA[<p>Interessant ist, dass diese haltlosen Vergleiche ausgerechnet aus dem Mund eines Skeptikers kommen, der sich klare Wissenschaftsorientierung und Faktenbasiertheit auf die Fahnen geschrieben hat. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://analytische-kritik.de/alle/ein-buch-das-schadet-irreversible-damage/">Ein Buch, das schadet: „Irreversible Damage“</a> erschien zuerst auf <a href="https://analytische-kritik.de">Analytische Kritik</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph" style="font-size:22px"><strong>Ein Buch, das schadet: „Irreversible Damage“</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Die nicht anerkannte ROGD-Hypothese erhielt im Jahr 2020 durch das Buch <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Irreversible_Damage" target="_blank" rel="noreferrer noopener">&#8222;<em>Irreversible Damage</em>&#8220; von Abigail Shrier</a> große Verbreitung, das nun im <a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kopp-verlag-profitiert-von-fluechtlingskrise-14890834.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Kopp Verlag</a> auf Deutsch erschienen ist – ein Verlag, der für die Veröffentlichung von verschwörungstheoretischen Werken bekannt ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Warum Abigail Shriers Buch äußerst problematisch ist, untersucht dieser Artikel.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">„<em>Es ist eine Geschichte, die Amerikaner hören müssen</em>“, setzt die Abigail Shrier, die übrigens weder Psychologin noch Medizinerin ist, sondern Rechtswissenschaft studiert hat, ihr Buch von Anfang an in einen emotional geframten Rahmen. Dazu streut sie eine Menge an Einzelfalldarstellungen ein. Wenn die Autorin über trans als „<em>Wahn</em>“ („<em>transgender craze</em>“) und „<em>von Internet-Gurus inspiriertes Mimikry</em>“ schreibt, ist sie alles andere als neutral. Im Gegenteil: Sie scheint auf einem emotionalisierten Kreuzzug gegen trans zu sein und heftet sich Kinderschutz auf die Fahnen. Hierbei geht es ihr vor allem um „<em>junge Teenager-Mädchen mit Problemen</em>“, die von einem vermeintlichen Hype angelockt werden („<em>lure troubled young girls</em>“; S. 16), der ihnen durch die Identifikation mit trans Freiheit von Angst und ein Zugehörigkeitsgefühl verspricht: <em>„For these girls, trans identification offers freedom from anxiety’ relentless pursuit; it satisfies the deepest need for acceptance, the thrill of transgression, the seductive lilt of belonging.“</em> (S. 15)</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Soziale Ansteckung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Shriers Buch gründet auf der Hypothese der sozialen Ansteckung. Trotz der heftigen Kritik aus Fachkreisen an ROGD (siehe dazu auch: <a href="https://analytische-kritik.de/moral-panic/rogd/rogd-eine-problematische-hypothese/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">LINK</a>), die Shrier übrigens als Ausdruck einer „Kultur des Schweigens“ bezeichnet, übernimmt sie 1:1 diese Thesen und betont den Einfluss von Social Media und Peer Groups als Ursache für trans.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Hier stellt sich zuerst einmal die Frage, was unter dem Begriff der sozialen Ansteckung konkret gefasst werden kann:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-dark-gray-color has-light-gray-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:18px">„<em>Unter sozialer Ansteckung wird der Prozess verstanden, in dem eine Person eine Idee, ein Motiv oder ein Verhalten von einer anderen Person übernimmt (&#8230;), meist wird als Voraussetzung für diese Übertragung die soziale Ähnlichkeit zwischen den beiden Akteuren angenommen, die die Übernahme wahrscheinlicher macht. Sozialepidemiologische Studien konnten zeigen, dass sich Netzwerkpartner häufig ähnlich verhalten und ähnliche Gesundheitsgefährdungen aufweisen (…) Diese Befunde werden oft mit dem Mechanismus der (sozialen) Ansteckung (contagion) erklärt, wobei nicht selten offen bleibt, wie genau vor allem die sozialen Ansteckungsprozesse ablaufen oder wirken.“ </em></p>
<cite><em><a href="https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn061653.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn061653.pdf</a></em></cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Genau das ist jedoch der springende Punkt: Soziale Ansteckung wird oft schwammig oder metaphorisch benutzt ohne die genauen Wirkmechanismen definieren zu können. Auch die essenzielle Unterscheidung zwischen <em>begünstigenden</em> Faktoren versus kausal <em>auslösenden</em> Faktoren unterbleibt oder wird in einen Topf geworfen: Indem Shrier trans in die vermeintliche Schublade „sozial ansteckende“ Problembewältigungsstrategie schiebt, spricht sie trans als Selbstdefinition deren Identitätsgrundlage ab. Mehr noch: Die Autorin versucht trans-Sein unter Jugendlichen als Modeerscheinung und psychische Erkrankung zu framen und schreckt auch nicht vor fehlerhaften Analogieschlüssen zurück:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-dark-gray-color has-light-gray-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:18px">„<em>Ein besserer Vergleich sind die Hexenjagden der Heiligen Inquisition, oder Modekrankheiten wie die Nervenleiden des 18. Jahrhunderts, die Nervenschwäche des ausgehenden 19. Jahrhunderts, oder die Magersucht, Bulimie, und das „Ritzen“ im 20. Jahrhundert. Die Hauptrolle spielt dabei eine Darstellerin, die stets gern ihr eigenes Leid und ihren Schmerz in den Mittelpunkt stellt: Das Teenager-Mädchen. Ihr Leid ist sicher echt. Aber in jedem dieser Fälle kommt sie zu einer falschen Selbstdiagnose – es ist eher die Kombination von Einbildung und Einwirkung von außen, als eine psychologische Tatsache. Vor dreißig Jahren hätten sich solche Mädchen vielleicht bis auf die Knochen abgemagert, und sich dabei eine Fettabsaugung gewünscht. Vor zwanzig Jahren hätten solche Mädchen vielleicht eine „unterdrückte Erinnerung“ an Kindesmissbrauch entdeckt. Die neue Teenagermode heißt nicht „vom Teufel besessen sein“, sondern „Genderdysphorie“ und die Heilung heißt nicht Exorzismus, Abführmittel oder Fasten – sondern Testosterontherapie und die „Obenrum-OP“.“</em> </p>
<cite>Abigail Shrier, Irreversible Damage, S. 10 f.; übersetzt ins Deutsche</cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Was US-Skeptiker dazu sagen</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Genau in diese Kerbe schlägt auch die Argumentation von „US-Vorzeige-Skeptiker“ Michael Shermer: Für seine &#8222;<a href="https://www.youtube.com/watch?v=KFQKFYPL0tc" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The Michael Shermer Show</a>&#8220; interviewt der Herausgeber des Skeptic Magazine Abigail Shrier ausführlich über ihr Buch und vergleicht die These der sozialen Ansteckung mit der Bewegung von „<em>wiederentdeckten Erinnerungen</em>“ aus den 1990ern (vgl<a href="https://www.youtube.com/watch?v=KFQKFYPL0tc" target="_blank" rel="noreferrer noopener">. Minute 23:52 f</a>.) und in Folge auch mit der Satanic Panic (<a href="https://www.youtube.com/watch?v=KFQKFYPL0tc" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Minute 1:23:10 f.</a>).</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Interessant ist, dass diese haltlosen Vergleiche ausgerechnet aus dem Mund eines Skeptikers kommen, der sich klare Wissenschaftsorientierung und Faktenbasiertheit auf die Fahnen geschrieben hat. Dass ROGD von führenden Wissenschaftlern, Expertengremien und Berufsverbänden unisono abgelehnt wird, dürfte ihm bestimmt zu Ohren gekommen sein. Dennoch stellt er sich in seiner Positionierung hinter Abigail Shriers Buch und lässt in selbstimmunisierender Weise jegliche Kritik daran bzw. an der ROGD-Hypothese sofort abprallen. So wurde <a href="https://www.skeptic.com/reading_room/trans-science-review-of-abigail-shier-irreversible-damage-transgender-craze-seducing-our-daughters/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">auf der Webseite des amerikanischen Skeptic Magazine</a>, einer richtungsweisenden Zeitschrift für die internationale Skeptikerszene, eine positive Buchkritik zu Shriers Werk veröffentlicht, die zuvor <a href="https://sciencebasedmedicine.org/the-science-of-transgender-treatment/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">von der Seite „Science Based Medizine“  entfernt</a> worden war. Was diese tendenziöse Haltung entgegen jeglicher wissenschaftlicher Beweisbarkeit auf einer Skeptiker-Webseite zu suchen hat, bleibt fraglich.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Doch zurück zu Abigail Shrier und den Details ihrer manipulativ-einseitigen Argumentation:</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Warum trans und Pro Ana nicht vergleichbar sind</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Abigail Shrier baut ihr Buch rund um die Argumentation auf, dass Mädchen im Teenager Alter, die psychische Probleme haben, sich zunehmend als trans identifizieren. Zur Untermauerung bringt Shrier auf zahlreichen Buchseiten den Vergleich zu Essstörungen: Magersüchtige sind z.B. davon überzeugt, ihre Essstörung würde all ihre Probleme lösen. Diese Denkweise überträgt sie auf trans, dass junge Mädchen davon ausgehen, eine Geschlechtsumwandlung würde all ihre Probleme lösen. <em>„Viele wollen nicht Mann sein, sondern nur dem Frau-Sein entkommen“</em> (vgl. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=KFQKFYPL0tc" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Min 52.30</a>, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=KFQKFYPL0tc" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The Michael Shermer Show</a>).</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Hierbei geht die Autorin in Folge noch einen Schritt weiter und vergleicht trans Influencer auf Social Media mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pro-Ana" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Pro Ana</a>-Webseiten, also Blogs, Foren o.ä., die Anorexie teilweise als Lifestyle glorifizieren. Hierzu schreibt Shrier:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-dark-gray-color has-light-gray-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:18px">„<em>Die Pro-Anorexie-Seiten ähnelten einer Reihe von Videos, die das Internet zu kolonisieren begannen: Social-Media-Seiten von Trans-Influencern, in denen geborene Mädchen, die sich selbst als &#8222;Transgender-Jungen&#8220; oder &#8222;Trans-Männer&#8220; bezeichnen, damit prahlen, wie sehr sich ihr Leben verbessert hat, seit sie mit einer Testosteronkur begonnen haben. Der Rausch, den es ihnen verschafft, die Freude über die &#8222;glückliche Spur&#8220; dunkler Haare auf ihrem Bauch, das Verschwinden &#8211; wie sie betonen &#8211; aller sozialen Ängste.“</em></p>
<cite>Abigail Shrier, Irreversible Damage, S. 50 f.; übersetzt ins Deutsche</cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Dieser Vergleich mit der Pro-Ana-Bewegung greift allerdings zu kurz bzw. rückt die Identifizierung als trans in die Nähe einer psychischen Erkrankung – ein fataler Rückschritt, der dem aktuellen wissenschaftlich-medizinischen Konsens entgegensteht. Das seit 2022 gültige ICD-11 hat Geschlechtsinkongruenz entpathologisiert, diese ist nicht mehr als psychische Störung eingeordnet sondern als „<a href="https://medicalforum.ch/de/detail/doi/smf.2023.09300" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Zustand mit Bezug auf die sexuelle Gesundheit</a>“. Doch diesen Aspekt lässt Abigail Shrier in ihrem Vergleich (bewusst?) außen vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Dass ihre Argumentation zu sozialen Medien und Essstörungen nicht haltbar ist, zeigen auch Forschungen zur Entstehung von Essstörungen, die klar zwischen prädisponierenden, auslösenden und aufrechterhaltenen Faktoren unterscheiden. </p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">In <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0272735810001996?via%3Dihub" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Studien</a> wird das Augenmerk bei Pro-Anorexie-Seiten bzw. Austauschgruppen auf Verstärker-Effekte für die Essstörung gelegt bzw. dass diese der Aufrechterhaltung der Erkrankung durch verspätetes oder unterbliebenes Suchen nach professionellen Hilfsangeboten dienen. Der Einfluss sozialer Medien ist Verstärker, aber nicht (alleiniger) Verursacher einer Esstörung, ist das klare Fazit:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-dark-gray-color has-light-gray-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:18px">„<em>Social Media Aktivität alleine begründet keine Essstörung. Viele Jugendliche erkranken nicht. Essstörungen entstehen durch das Zusammenspiel verschiedener bio-psycho-sozialer Faktoren. Die Erkrankung stellt einen Lösungsversuch dar und ist Ausdruck tieferliegender Konflikte und Belastungen. Bei individueller Verletzlichkeit, Vorbelastung oder manifestierter Essstörung können soziale Medien ein relevanter Faktor sein, der die Erkrankung auslöst, verstärkt oder zur Aufrechterhaltung beiträgt.“</em> </p>
<cite><a href="https://www.konturen.de/kurzmeldungen/essstoerungen-und-soziale-medien/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.konturen.de/kurzmeldungen/essstoerungen-und-soziale-medien/</a></cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Eine ähnliche <a href="https://www.cambridge.org/core/journals/psychological-medicine/article/cutting-nonsuicidal-selfinjury-nssi-on-instagram/600ED6C6856EE21B7E875F08CB088DDB" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Studie der Universität Ulm</a> untersuchte die Darstellung von Selbstverletzungen auf Instagram (mittlerweile versucht die Plattform durch Löschen solcher Fotos dagegen vorzugehen):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-dark-gray-color has-light-gray-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:18px">„<em>Die Ulmer Forscher suchten zudem nach Hinweisen, die auf soziale Ansteckung schließen ließen. Im persönlichen Kontakt zwischen Jugendlichen, die selbstverletzendes Verhalten zeigen, spielen Nachahmungseffekte bekanntermaßen eine große Rolle. Die vorgelegte Studie konnte solche Effekte nicht direkt nachweisen. Allerdings sehen die Wissenschaftler in dem Zusammenhang zwischen Verletzungsschwere und Nutzerreaktionen deutliche Hinweise auf soziale Verstärkungseffekte in Sozialen Medien.“</em></p>
<cite><a href="https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/ritz-bilder-auf-dem-smartphone-ulmer-studie-zu-selbstverletzendem-verhalten-auf-instagram/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/ritz-bilder-auf-dem-smartphone-ulmer-studie-zu-selbstverletzendem-verhalten-auf-instagram/</a></cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Auch im Bereich des selbstverletztenden Verhaltens, ein weiterer von Shrier angesprochener &#8222;Trend&#8220;, lassen sich soziale Ansteckungseffekte also nicht direkt nachweisen. Nichtsdestotrotz wird auch das von Shrier als &#8222;Fakt&#8220; dargestellt.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Fazit</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Da sich Abigail Shriers Buch explizit an Eltern von Kindern, die sich als trans identifizieren, wendet, macht es insbesondere problematisch, vor allem, da es die inhärente Transfeindlichkeit äußerst subtil verpackt.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-dark-gray-color has-light-gray-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:18px">„<em>In der politisch korrekten Ära wäre eine transphobe Abhandlung wirkungslos; Es ist besser, ein solches Buch unter dem Deckmantel der Sorge um die Kinder zu verpacken. Auf diese Weise werden selbst die liberalsten Eltern zuhören. (…) „Dies ist ein transphobes Werk, das als Ratgeber für Eltern getarnt ist. Es ist ein manipulatives Buch, dem es an Beweisen mangelt. Es ist demagogisch und hat nichts mit der Sorge um das Wohlergehen von Kindern und Eltern zu tun. Es ist pures Gaslighting, das darauf abzielt, die Ränge der extremen Rechten zu vergrößern , indem es unseren verwundbarsten Punkt anspricht: unsere Kinder.“</em></p>
<cite><a href="https://www.haaretz.com/israel-news/2023-06-11/ty-article/.premium/israeli-parents-dont-let-transphobic-abigail-shrier-gaslight-you/00000188-9ba2-d467-adee-bfa27b0d0000" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.haaretz.com/israel-news/2023-06-11/ty-article/.premium/israeli-parents-dont-let-transphobic-abigail-shrier-gaslight-you/00000188-9ba2-d467-adee-bfa27b0d0000</a> (übersetzt ins Deutsche)</cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Shrier betont, kein „Problem“ mit erwachsenen trans Personen zu haben und argumentiert, wie bereits erörtert, stets rund um Teenager, die sich als trans outen. Dass sie dazu jedoch nur Eltern interviewt, die das trans-Sein ihrer Kinder nicht unterstützen, zeigt einmal mehr ihre Voreingenommenheit und Bias. Demgemäß muss ihr Buch äußerst kritisch gelesen und reflektiert werden, zum Beispiel wie es eine <a href="https://www.psychologytoday.com/us/blog/checkpoints/202101/review-irreversible-damage-abigail-shrier" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Buchbesprechung auf Psychologytoday aus psychologischer Sicht tut</a>. Hier werden übrigens auch in Einzelfällen – und das ist der springende Punkt – mögliche Überschneidungen mit Dissoziativer Identitätsstörung bzw. Borderline Persönlichkeitsstörung dargelegt, ohne trans per se zu pathologisieren oder in die Sphäre von einer psychischen Erkrankung zu rücken.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Es bleibt zu hoffen, dass Eltern, die dieses Buch ratsuchend lesen, die manipulativen und emotionalisierten Strategien von Shrier durchschauen und die durchwegs einseitige Sicht auf trans als das identifizieren, was sie ist: versteckte Transphobie. Keinesfalls darf Abigails Shriers Buch und die ROGD-Hypothese, die mittlerweile als Grechtchenfrage zur Sichtweise von trans gilt, dazu missbraucht werden, in einem (gesellschafts)politisch aufgeladenem und gespaltenen Feld noch mehr Öl ins Feuer zu gießen.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Zum Weiterlesen:</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li style="font-size:18px"><a href="https://www.watson.ch/wissen/analyse/372870434-rogd-studie-wie-ideologie-die-transgender-forschung-einschraenkt" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ROGD-Studie abgeschossen – wie Ideologie die Trans-Forschung einengt</a></li>



<li style="font-size:18px"><a href="https://www.psychologytoday.com/us/blog/checkpoints/202101/review-irreversible-damage-abigail-shrier" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Eine Rezension von „Irreversible Damage“ von Abigail Shrier</a></li>
</ul>
<p>Der Beitrag <a href="https://analytische-kritik.de/alle/ein-buch-das-schadet-irreversible-damage/">Ein Buch, das schadet: „Irreversible Damage“</a> erschien zuerst auf <a href="https://analytische-kritik.de">Analytische Kritik</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Wie TERF Stereotypen repliziert</title>
		<link>https://analytische-kritik.de/alle/wie-terf-stereotypen-repliziert/</link>
					<comments>https://analytische-kritik.de/alle/wie-terf-stereotypen-repliziert/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Gastautor]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 05 Aug 2024 13:06:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[3. Transgender und Transfeindlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Alle]]></category>
		<category><![CDATA[TERF]]></category>
		<category><![CDATA[Transfeindlichkeit]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://analytische-kritik.de/?p=580</guid>

					<description><![CDATA[<p>Genderkritischer Feminismus, auch TERF (trans-exclusionary radical feminism) genannt, nimmt an, dass das biologische Geschlecht unveränderbar sei und lehnt demzufolge Gender-Identität als "falsche Ideologie" ab. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://analytische-kritik.de/alle/wie-terf-stereotypen-repliziert/">Wie TERF Stereotypen repliziert</a> erschien zuerst auf <a href="https://analytische-kritik.de">Analytische Kritik</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading has-text-align-center">Wie TERF Stereotypen repliziert</h2>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Genderkritischer Feminismus, auch TERF (trans-exclusionary radical feminism) genannt, nimmt an, dass das biologische Geschlecht unveränderbar sei und lehnt demzufolge Gender-Identität als &#8222;falsche Ideologie&#8220; ab. Durch die strikte Mann-Frau-Schubladisierung trägt genderkritischer Feminismus zu einer transphoben Moralpanik bei, da trans Frauen als Bedrohung geframed und eine irrationale Ängste, z.B. vor der vermeintlichen Abschaffung der Mann-Frau-Begriffe oder aus Sicherheitsbedenken gegenüber trans Frauen, geschürt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Diese Argumentation basiert auf dem Konzept, dass cis Frauen vor Männern geschützt werden müssen. Durch die Selbstbestimmung der Geschlechtsidentität, könnten sich, so die Annahme, Männer Zugang zu Frauenräumen wie Umkleiden oder WC s verschaffen – was ein „Freibrief“ für Sexualstraftaten wäre. Diese Moralpanik framed Männer rein auf Basis ihrer Sozialisation als gewaltaffin und dichtet trans Frauen, die nicht als Frauen anerkannt werden, da hierunter nur weibliche, potenziell gebärfähige Körper verstanden werden, ebenfalls diese vermeintlich gewalttätigen Zuschreibungen an. Mit diese Denkweise wird jedoch implizit eine Täter-Opfer-Sichtweise aufrecht erhalten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-palette-color-1-color has-light-gray-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:18px">„<em>Die kulturelle Positionierung von Trans-Frauen als gefährlich für Cis-Frauen stützt sich auf geschlechtsspezifische Konzeptualisierungen von (Cis-, implizit weißen) Frauen als notwendigerweise zerbrechlich in Bezug auf (Cis-)Männer, die ihrerseits als körperlich (und sexuell) überlegene Männer konzeptualisiert werden. Durch die Positionierung von (cis, weißen) &#8222;Frauen&#8220; als eine Kategorie, die der Bedrohung durch &#8222;männliche&#8220; Gewalt (und insbesondere durch &#8222;biologische&#8220; männliche sexuelle Gewalt) besonders ausgesetzt ist, unterstützen trans-exklusive Argumente rund um den Zugang zu Toiletten &#8211; einschließlich derer, die von selbsternannten feministischen Gruppen vorgebracht werden &#8211; die geschlechtsspezifischen und frauenfeindlichen Diskurse, die (weiße) Frauen seit langem als das &#8222;schwache Geschlecht&#8220; positionieren, das (von Männern, vor Männern) geschützt werden muss.“</em> </p>
<cite><a href="https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/0038026120934713">https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/0038026120934713</a>, übersetzt ins Deutsche</cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Männer allein aufgrund ihres männlichen Geschlechts zu Tätern zu machen und Frauen im Gegenzug als Opfer einzuzementieren, kann keine patriarchalen Strukturen aufbrechen. Im Gegenteil. Es hat auch nichts mit Feminismus im eigentlich Wortsinn zu tun, da es den Sexismus in Zusammenhang mit sexueller Gewalt außen vor lässt und ebenso die Wechselwirkungen verschiedenster Diskriminierungsformen. Gesellschaftliche Unterdrückung lässt sich nämlich eben nicht auf „cis Mann unterdrückt cis Frau“ reduzieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px"><strong>Frauenräume als Diskussionspunkt</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Die Wichtigkeit von Hilfseinrichtungen für Frauen, sei es in Form von Beratungsangeboten oder Frauenhäusern, ist unbestritten. Es stellt sich hierbei jedoch die Frage, warum trans Personen (und hier insbesondere trans Frauen) von Anhängern des TERF mit Bedrohung und Sicherheitsbedenken insbesondere hinsichtlich Frauenräumen gleichgesetzt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Eine mögliche Erklärung liefert das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dramadreieck">Dramadreieck</a>  von Stephen Karpman. Dieses stellt eine Beziehung zwischen Opfer, Täter und Retter als Dreieck dar, das die unterschiedlichen Rollen aufzeigt. Es bietet aber genauso einen Ansatzpunkt, um toxische Konstellationen wie Helfersyndrom zu untersuchen oder eben die Diskussion um die Sicherheit von Frauenräumen: <em>„Professionelle Unterstützer:innen, die gegen Gewalt gegen Frauen arbeiten, halten diese „Sicherheit“ aufrecht, indem sie darüber wachen, wer rein- und rauskommt.“ </em>(<a href="https://www.refinery29.com/de-de/2022/10/11153430/trans-frauen-oeffentlicher-raum">https://www.refinery29.com/de-de/2022/10/11153430/trans-frauen-oeffentlicher-raum</a>) </p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Diese Dynamik kann dazu beitragen, dass sich Helfer in der Retter-Rolle verorten, während sie in Wahrheit jedoch nur Hilfe zur Selbsthilfe leisten können &#8211; und vor allem eines nicht tun dürfen: Ängste zu schüren. Die Position, dass Schutz für Frauen nur durch trans-exkludierende Maßnahmen garantiert werden können, läuft in die falsche Richtung, verkennt die Realität und verstärkt die Furcht vor dem vermeintlich „Unbekannten“:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-palette-color-1-color has-light-gray-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:18px">„(&#8230;) Zu behaupten, dass Transphobie „Frauen schützt“, ist eine vorsätzliche Manipulation unserer Überlebenskunst. Der Einsatz von emotional aufgeladenen Mythen über die Gefahr durch Fremde (die Feministi:nnen jahrzehntelang versucht haben zu entkräften) und die Instrumentalisierung eines „Glaubt den Überlebenden“-Ethos ist entsetzlich mit anzusehen. Beide Methoden haben eine doppelte Funktion: Zum einen schüren sie die moralische Panik gegen trans Personen. Gleichzeitig ziehen sie traumatisierte Frauen, die nach Zugehörigkeit und Sicherheit suchen, in die politische Heimat des Anti-Trans-Aktivismus, der euphemistisch als „genderkritischer Feminismus“ bezeichnet wird.“ </p>
<cite><a href="https://www.refinery29.com/de-de/2022/10/11153430/trans-frauen-oeffentlicher-raum">https://www.refinery29.com/de-de/2022/10/11153430/trans-frauen-oeffentlicher-raum</a></cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px"><strong>Zwischen verkürzter Denkweise und haltloser Dämonisierung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Als Folge verkennt der vom genderkritischen Feminismus vertretene Ansatz, dass gerade trans Frauen besonders oft gender-basierter Gewalt durch cis Personen ausgesetzt sind – und eben nicht anders herum, wie es fälschlicherweise im Sinne einer moralischen Panik propagiert wird. <a href="https://escholarship.org/uc/item/4rs4n6h0#page=12">Studien ergeben</a>, dass die Sicherheits- und Privatsphäreverletzungen, die hierbei ins Treffen gebracht werden, empirisch nicht haltbar sind. Auch aus Ländern, die eine selbstbestimmte Personenstands- und Vornamenänderung zulassen, bestätigen sich die rhetorisch aufgeblasenen Schreckensbilder nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Diese problematischen Dämonisierungen von trans Personen wurden erstmals von der amerikanischen, radikalfeministischen Autorin und emeritierten Universitätsprofessorin <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Janice_Raymond">Janice Raymond</a>  in großem Stile vertreten. In ihrem 1979 erschienen Buch „<em>The Transsexual Empire</em>“ behauptete sie, dass die transgender Identität „<em>Frauen nach männlicher Vorstellung schaffen</em>“ und schürte danach gezielt die Ängste vor Vergewaltigung, indem sie schrieb: <em>„Alle Transsexuellen vergewaltigen den Körper der Frau, indem sie die reale weibliche Form auf ein Artefakt reduzieren und sich diesen Körper aneignen“</em> (übersetzt ins Deutsche).</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Wie sehr genau dieses Denkmuster durch seine Argumentationskette &#8211; von Pseudo-Biologie bis zur Instrumentalisierung der Angst vor Übergriffen &#8211; mit Verschwörungstheorien Hand in Hand geht, zeigt die Ähnlichkeit der beschworenen Vergewaltigungsmythen mit dem Framing von trans Personen als „Groomer“ (<a href="https://debunking-moralpanic.de/gesamt/die-grooming-verschwoerung-religious-right/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">siehe Artikel</a> auf dieser Seite): nur dass diesmal nicht Kindern im Blickwinkel sind, sondern cis Frauen und Mädchen, die es zu schützen gilt.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Die dahinterliegende Argumentationsweise und Moralpanik bleiben jedoch dieselben &#8211; und ebenso ihre Anschlussfähigkeit an rechte Talking Points und Narrative.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img decoding="async" src="https://debunking-moralpanic.de/wp-content/uploads/2023/08/Unbenannt-7.jpg" alt="" class="wp-image-65"/></figure>
</div>


<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px"><strong>Zum Weiterlesen:</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li style="font-size:18px"><a href="https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/0038026120934713" target="_blank" rel="noreferrer noopener">TERF wars: an introduction</a></li>



<li style="font-size:18px"><a href="https://www.freitag.de/autoren/joane-studnik/was-bedeutet-terf-wie-linke-transfeindlichkeit-rechtsextreme-staerkt" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Was bedeutet TERF? Wie linke Transfeindlichkeit Rechtsextreme stärkt</a></li>



<li style="font-size:18px"><a href="https://www.refinery29.com/de-de/2022/10/11153430/trans-frauen-oeffentlicher-raum" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Warum trans Frauen in Frauenräume gehören</a></li>



<li style="font-size:18px"><a href="https://www.freitag.de/autoren/nils-pickert/von-wegen-stilles-oertchen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Von wegen stilles Örtchen</a></li>



<li style="font-size:18px"><a href="https://www.gwi-boell.de/de/2021/03/31/terfs-falsche-freundinnen-feminismus-fuer-privilegierte-frauen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">TERFs Falsche Freundinnen – Feminismus für privilegierte Frauen</a></li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://analytische-kritik.de/alle/wie-terf-stereotypen-repliziert/">Wie TERF Stereotypen repliziert</a> erschien zuerst auf <a href="https://analytische-kritik.de">Analytische Kritik</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Transphobie als rechte Agitation</title>
		<link>https://analytische-kritik.de/alle/transphobie-als-rechte-agitation/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Gastautor]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Jul 2024 13:06:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[3. Transgender und Transfeindlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Alle]]></category>
		<category><![CDATA[Moral Panic]]></category>
		<category><![CDATA[Trans Feindlichkeit]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Dass genderkritischer Feminismus mit seiner Moralpanik als Einfallstor und Brücken-Narrativ zu rechtem Gedankengut dient, hat bereits der vorige Beitrag beleuchtet. Es geht hier um eine narrative Allianz und ein gefährliches Relationsgeflecht, das unter der argumentativen Klammer, sich für den Schutz biologisch weiblicher Frauen als „bedrohtes Geschlecht“ einzusetzen, eine Gegenöffentlichkeit kreiert. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://analytische-kritik.de/alle/transphobie-als-rechte-agitation/">Transphobie als rechte Agitation</a> erschien zuerst auf <a href="https://analytische-kritik.de">Analytische Kritik</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph" style="font-size:22px"><strong>Transphobie als rechte Agitation</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Dass genderkritischer Feminismus mit seiner Moralpanik als Einfallstor und Brücken-Narrativ zu rechtem Gedankengut dient, hat bereits der <a href="https://analytische-kritik.de/moral-panic/transfeindlichkeit/wie-terf-stereotypen-repliziert/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">vorige Beitrag</a> beleuchtet. Es geht hier um eine narrative Allianz und ein gefährliches Relationsgeflecht, das unter der argumentativen Klammer, sich für den Schutz biologisch weiblicher Frauen als „bedrohtes Geschlecht“ einzusetzen, eine Gegenöffentlichkeit kreiert. <em>Far right</em> bedeutet nicht <em>far away</em>, insbesondere dann, wenn durch Feminist_innen, welche sich diese Selbstbezeichnung auf die Fahnen schreiben, klare Grenzen verwischt werden und es plötzlich „en vogue“ scheint, anderen Menschen ihr Grundrecht auf geschlechtliche Selbstbestimmung abzuerkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Über die Allianzen zwischen TERF und rechts schreibt der Blog „Belltower News“ der Amadeo Antonio Stiftung, die bei einer Kundgebung im März 2023 in Melbourne, Australien ein erschreckendes Ausmaß angenommen haben:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-dark-gray-color has-light-gray-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:18px">„<em>Die Polizei muss die TERFs und die Neonazis gar nicht voneinander trennen. Denn diese zwei Gruppierungen gehen nicht aufeinander los, sondern treten gemeinsam auf, im Schulterschluss miteinander verbunden. Als Geschwister im Geiste agitieren sie gegen trans* Menschen. Einige der TERFs posieren sogar wie grinsende Fangirls für Selfies mit den Neonazis, die Hakenkreuz-Tätowierungen und andere White-Power-Symbole stolz zur Schau stellen. Eine Ausnahmeerscheinung? Von wegen. Viele von uns in der Transgender-Community warnen seit Jahren vor dem Liebäugeln zwischen TERFs und Rechtsradikalen. Es sind keine Hirngespinste. Es geht um Hassposts im Internet, es geht um Handgreiflichkeiten auf offener Straße. Ob in Australien, hier in Europa oder in Nord- und Südamerika: transfeindliche Feminist*innen erdulden, ermöglichen und ermutigen die zweckgebundene Zusammenarbeit mit Faschist*innen.“</em> </p>
<cite><a href="https://www.belltower.news/kolumne-michaela-dudley-terfs-transfeindlichkeit-und-rechtsradikaler-feminismus-148977/">https://www.belltower.news/kolumne-michaela-dudley-terfs-transfeindlichkeit-und-rechtsradikaler-feminismus-148977/</a></cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Diese gefährliche Allianzenbildung führt zur Frage, was die Strategien und Handlungsmuster rechter transphobischer Agitation sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Zentrale Muster rechter Transphobie</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Transphobie spielt in der rechten Szene eine große Rolle, da sich diese auf die Heteronormativ und „traditionelle Familienideale“ stützt. Aufbrechende Geschlechterverständnisse werden als Gefahr für deren rasstisch-antisemtischer Ideologie der „Volksgemeinschaft“ wahrgenommen und als Infragestellung der „natürlichen Ordnung“ geframt.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Die Kategorie Geschlecht mit Ein- und Ausschlüssen ist zentral für rechtsextremistische Denkweisen. So wird die Moralpanik rund um die geschürte Angst vor angeblichem Indentitätsverlust biologisch weiblicher Frauen gezielt instrumentalisiert, indem Gefühle bedient und Identitfikationsmomente geboten werden. Dazu werden Krisenmomente künstlich erzeugt und Einzelfälle zum Beweis aufgebläht. Rechte Identitätspolitik konstruiert zudem Fremdheitsgefühle durch gezielt erzeugtes Othering von trans Personen, was gerade in Zeiten der Verunsicherung dem gesteigerten Bedürfnis von Menschen nach Orientierung, klarer Identitätsgestaltung und Aufwertung der eigenen Position entgegenkommt.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Simon Strick spricht in seinem Buch „Rechte Gefühle. Affekte und Strategien des digitalen Faschismus“ hierzu von Anti-Genderismus als „<em>Agitationskern</em>“ und „<em>Gefühlskitt</em>“ der Neuen Rechten (vgl. S. 330; 344):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-dark-gray-color has-light-gray-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:18px">„<em>Geschlecht ist Motor und primärer Aktionsraum der Alternativen Rechten: Gender ist ein endloser, intimer und zugleich öffentlichkeitswirksamer Generator von Krisen, Krisenmomenten und Schnittstellen von Macht, persönlicher Erfahrung und Befindlichkeit. Die Alternative Rechte adaptiert die klassische Losung des Feminismus – das Persönliche ist politisch – und wendet sie gegen die eigentliche Intention, gleiche Relevanz für den (weiblich-codierten) Privatraum und die patriarchalen Öffentlichkeiten zu beanspruchen. Auf dem Boden des Geschlechts lassen sich die alltäglichen Affekte gut kultivieren, die die Alternative Rechte für ihre Agitation und Propaganda züchtet.“ </em></p>
<cite>Simon Strick: <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5495-0/rechte-gefuehle/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Rechte Gefühle. Affekte und Strategien des digitalen Faschismus, S. 87</a></cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Anti-Genderismus dient hierbei als Projektionsfläche für die Ablehnung einer inklusiven Gesellschaft (vgl. <a href="https://gegneranalyse.de/kathrin-peltz-lucia-killius-unerwartete-allianzen-coronaproteste-und-der-kampf-gegen-gender/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Uner­war­tete Alli­an­zen: Coro­na­pro­teste und der Kampf gegen&nbsp;Gender</a>) und wird auf Social Media gezielt von rechten Akteuren vorangetrieben: „Gays against Groomers“, die „LGB-Alliance“ oder „Libs of TikTok“ sind nur einige Beispiele aus dem US-amerikanischen Raum, die klar rechtsextremistische Aussagen zu Transphobie auf Social Media verbreiten. So <a href="https://www.adl.org/resources/blog/antisemitism-anti-lgbtq-hate-converge-extremist-and-conspiratorial-beliefs">beschreibt auch die amerikanische Menschenrechtsorganisation Anti-Defamation League</a> klare Verstrickungen zwischen Antisemitismus, gruppenabwertendem Extremismus und z.B. der „<em>Groomer-Verschwörung</em>“ bzw. einer „<em>Trans-Agenda</em>“ .</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Auch in Deutschland zeigen sich die Allianzen und Verzahnungen verschiedener Verschwörungstheorien und Moralpaniken immer deutlicher: Zum Beispiel veröffentlichte unlängst der Kopp Verlag die deutsche Übersetzung des transfeindlichen Buchs von Abigail Shrier &#8222;Irreversible Damage&#8220;. Dieser Verlag, den die FAZ passend als &#8222;<a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kopp-verlag-profitiert-von-fluechtlingskrise-14890834.html">Heimatplaneten für rechtsextreme Ufologen</a>&#8220; bezeichnete, ist für Verschwörungstheorien bekannt und  spricht <a href="https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/swr2-wissen-2019-12-09-100.html">&#8222;bewusst politische Milieus am rechten Rand&#8220;</a> an. </p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Die Verzahnungen sind an anderer Stelle noch deutlicher: Auch  &#8222;satanische Eliten&#8220; oder antisemitische Inhalte fehlen nicht im allgemeinen verschwörungstheoretischen Sumpf rechter Moralpanik.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-dark-gray-color has-light-gray-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:18px">&#8222;Denkt man die verschiedenen Verschwörungserzählungen zu Ende, endet man meist da, wo man immer landet: bei den „bösen Juden“, die die Strippen in der Welt zögen. So würde etwa der jüdische Milliardär George Soros versuchen, große Teile der Menschheit in trans Personen umzuwandeln, wissen Verschwörungseinträge im Internet. Vor allem geht es aber um Männer, die eine Transformation zur Frau machen, oder gemacht haben. Soros und andere angeblich satanische Eliten, so die Verschwörungserzählung, wollen dafür sorgen, dass weiße Männer verweiblicht werden. Dahinter stecke angeblich die Idee der Ausrottung des weißen Volks, weil keine weißen Kinder mehr gezeugt würden. Diese Erzählung ist damit eingebettet in die rechtsextreme Verschwörungserzählung des &#8222;Großen Austausches&#8220;. </p>
<cite><a href="https://www.belltower.news/rechtsalternativer-hass-neuer-gemeinsamer-nenner-hass-aus-trans-frauen-132351/">https://www.belltower.news/rechtsalternativer-hass-neuer-gemeinsamer-nenner-hass-aus-trans-frauen-132351/</a></cite></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Das Schreckensbild der „globalen Elite“, die tradierten Familien- und Frauenbildern widerspricht, ist also ein Narrativ, welches Verschwörungstheorien und unterschiedliche Moralpaniken vereint.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Dies ist weit mehr als ein Angriff auf die Demokratie, wie Simon Strick schreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="has-dark-gray-color has-light-gray-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph" style="font-size:18px">„<em>Der Faschismus, der von &#8218;Feminazis&#8216;, &#8218;Gender-Brainwashing&#8216; und &#8218;Transgender-Terror&#8216; spricht, ist kein Angriff auf die Demokratie: Er ist ein Angriff auf das Bild von Gesellschaft, die der Feminismus, die Schwulen- und Lesbenbewegung und die TransRights-Bewegung in Teilen gegen andauernde Widerstände durchsetzen konnte. Er ist ein Angriff gegen die Gleichberechtigungsansprüche, die diese Gruppen gegen ihre Marginalisierung vorbringen – was eine komplexe Gesellschaft nicht nur aushalten, sondern fördern muss.“</em> </p>
<cite>Simon Strick: <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5495-0/rechte-gefuehle/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Rechte Gefühle. Affekte und Strategien des digitalen Faschismus, S. 425</a></cite></blockquote>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img decoding="async" src="https://marvel-stella.de/debunking/wp-content/uploads/2023/08/Unbenannt-7.jpg" alt="" class="wp-image-49"/></figure>
</div>


<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px"><strong>Zum Weiterlesen:</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li style="font-size:18px"><a href="https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/hintergruende/DE/rechtsextremismus/2022-08-17-pridemonth.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Queerfeindlichkeit im Rechtsextremismus</a> = Bundesamt für Verfassungsschutz</li>



<li style="font-size:18px"><a href="https://www.derstandard.at/story/2000140493637/warum-rechte-nun-gegen-transgender-statt-gegen-feminismus-kaempfen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Warum Rechte nun gegen Transgender statt gegen Feminismus kämpfen</a></li>



<li style="font-size:18px"><a href="https://www.adl.org/resources/blog/antisemitism-anti-lgbtq-hate-converge-extremist-and-conspiratorial-beliefs" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Antisemitismus und Anti-LGBTQ+-Hass konvergieren in extremistischen und verschwörerischen Überzeugungen</a></li>



<li style="font-size:18px"><a href="https://gegneranalyse.de/kathrin-peltz-lucia-killius-unerwartete-allianzen-coronaproteste-und-der-kampf-gegen-gender/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Uner­war­tete Alli­an­zen: Coro­na­pro­teste und der Kampf gegen&nbsp;Gender</a></li>



<li style="font-size:18px"><a href="https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/259953/gender-und-genderwahn-neue-feindbilder-der-extremen-rechten/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">&#8222;Gender&#8220; und &#8222;Genderwahn&#8220; – neue Feindbilder der extremen Rechten</a></li>



<li style="font-size:18px"><a href="https://www.damemagazine.com/2023/01/12/the-moral-panic-trans-backlash/">The Moral Panic we cannot ignore</a></li>
</ul>
<p>Der Beitrag <a href="https://analytische-kritik.de/alle/transphobie-als-rechte-agitation/">Transphobie als rechte Agitation</a> erschien zuerst auf <a href="https://analytische-kritik.de">Analytische Kritik</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Pro Ana &#8211; die Gefahr von Instagram &#038; TikTok</title>
		<link>https://analytische-kritik.de/alle/pro-ana-die-gefahr-von-instagram-tiktok/</link>
					<comments>https://analytische-kritik.de/alle/pro-ana-die-gefahr-von-instagram-tiktok/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Gastautor]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Feb 2024 13:04:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2. Psychologie-Themen]]></category>
		<category><![CDATA[Alle]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://analytische-kritik.de/?p=229</guid>

					<description><![CDATA[<p>Nach dem langsamen "Untergang" von Webforen, galt eine Zeit lang die Plattform tumblr, als "go-to place" für die Pro Ana Community. Es gab eine große Anzahl an einschlägigen Pro Ana-Seiten, die als quasi öffentliche Tagebücher die innere Welt der Essstörungs-Betroffenen drastisch offenlegte - solange bis tubmlr seine Nutzungsbedingungen anpasste und jeglichen Content verbot, der Essstörungen oder Selbstverletzung propagierte. In einem Statement der Plattform aus dem Jahr 2012 wurde festgehalten, dass anstatt von Hashtags wie #proana und vielen anderen in Zukunft Public Service Announcements (PSAs) gezeigt würden. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://analytische-kritik.de/alle/pro-ana-die-gefahr-von-instagram-tiktok/">Pro Ana &#8211; die Gefahr von Instagram &amp; TikTok</a> erschien zuerst auf <a href="https://analytische-kritik.de">Analytische Kritik</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph" style="font-size:22px"><strong>Pro Ana &#8211; die Gefahr von Instagram &amp; TikTok</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Nach dem langsamen &#8222;Untergang&#8220; der Webforen galt eine Zeit lang die Plattform tumblr als &#8222;go-to place&#8220; für die Pro Ana Community. Es gab eine große Anzahl an einschlägigen Pro Ana Seiten, die als öffentliche Tagebücher die innere Welt der Essstörungs-Betroffenen drastisch offenlegten &#8211; solange bis tumblr seine Nutzungsbedingungen anpasste und jeglichen Content verbot, der Essstörungen oder Selbstverletzung propagierte. <a href="https://web.archive.org/web/20120305200245/http://staff.tumblr.com/post/18132624829/self-harm-blogs" target="_blank" rel="noreferrer noopener">In einem Statement der Plattform aus dem Jahr 2012</a> wurde festgehalten, dass anstatt von Hashtags wie <em>#proana</em> und vielen anderen in Zukunft Public Service Announcements (PSAs) gezeigt würden. Daneben legte <a href="https://staff.tumblr.com/post/18132624829/self-harm-blogs" target="_blank" rel="noreferrer noopener">tumblr</a> eine rote Linie fest, dass es eben nicht darum ging, Onlinediskussionen über die Thematik zu verbieten, sondern lediglich verharmlosende und Anorexie-fördernden Blogs verboten werden sollten: <em>&#8222;Don’t post content that actively promotes or glorifies self-injury or self-harm. This includes content that urges or encourages readers to cut or mutilate themselves; embrace anorexia, bulimia, or other eating disorders; or commit suicide rather than, e.g., seek counseling or treatment for depression or other disorders. Online dialogue about these acts and conditions is incredibly important; this prohibition is intended to reach only those blogs that cross the line into active promotion or glorification.&#8220; </em></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Auch der Dienst Pinterest <a href="https://www.huffpost.com/entry/pinterest-terms-of-service-update_n_1379486?1332780457" target="_blank" rel="noreferrer noopener">folgte kurze Zeit später</a> mit ebenfalls aktualisierten Nutzungsbedingungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Diese inhaltlichen Sperrungen von Anbieterseite sorgten u.a. dafür, dass sich die Szene rasch auf die zu jener Zeit ohnehin boomende Plattform Instagram verlagerte, die als bildbasiertes Medium für Jahre das &#8222;Eldorado&#8220; im negativen Sinne für die Verherrlichung von Essstörungen werden sollte. Die Huffington Post berichtete im März 2012 über erschreckende Zahlen: Über 30.000 Fotos der Plattform Instagram waren mit dem Hashtag &#8222;<em>Thinspo</em>&#8220; versehen und 13.000 mit dem Hashtag &#8222;<em>ana</em>&#8222;. Dazu kam unzähliger Content über Selbstverletzungen, der teilweise frische Schnittverletzungen und Narben zeigte.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Das Unternehmen versuchte seit Beginn die Pro Ana Szene einzudämmen und sperrte immer mehr Hashtags, wie u.a. die beiden oben genannten. Ein Problem war jedoch, dass innerhalb der Community neue Hashtags kreiert wurden, die sich durch geringfügige und bewusste Schreibunterschiede von den Originalen unterschieden. Bis diese ebenfalls vom technischen Such-Filter erfasst werden konnten, dauerte es zumeist.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Zudem waren und sind viele der einschlägigen Accounts von Anhängerinnen der Pro Ana-Szene im Modus &#8222;privat&#8220; geführt, dh. der Content wird nur nach bestätigter Follow-Anfrage sichtbar. Viele Accounts haben zudem Phrasen wie &#8222;<em>don&#8217;t report, just block</em>&#8220; in der Selbstbeschreibung bzw. die Info über einen Backupaccount, falls der Hauptaccount plötzlich gesperrt würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px"><a href="https://web.archive.org/web/20190208165046/https://www.theguardian.com/technology/2019/feb/08/instagram-urged-to-crack-down-on-eating-disorder-images" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Medienberichte</a> aus 2019 wiesen auf die unveränderte Epidemie an einschlägigen Inhalten auf der Plattform hin. Zwei Jahre später, im Jahr 2021, <a href="https://web.archive.org/web/20210427182513/https://www.bbc.com/news/technology-56750088" target="_blank" rel="noreferrer noopener">berichtete die BBC</a> über den gefährlichen Algorithmus, welcher aufgrund der Suchanfragen und Interaktionen immer weiteren Content vorschlug, der für bereits Essstörungs-Gefährdete immer neue destruktive Trigger darstellte. Dies galt ebenso für automatisch vorgeschlagene Profile, welche sich ebenfalls in der Szene bewegten &#8211; und zwar auch solche, die eigentlich aufgrund der bisherigen Followerzahlen nur eine geringe Reichweite hatten, aber dennoch vom Algorithmus breit gestreut wurden. Dies resultierte sogar in einer <a href="https://web.archive.org/web/20210425202935/https://www.theguardian.com/technology/2021/apr/15/instagram-apologises-for-promoting-weight-loss-content-to-users-with-eating-disorders" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Entschuldigung seitens Instagram</a> dafür, dass &#8222;weight loss&#8220;-Content Usern angeboten wurde, die bereits an einer Esssstörung litten.</p>



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<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Ein weiteres Problem stellen sogenannte Recovery-Accounts dar. Diese sind nach den Nutzungsbedingungen von Instagram erlaubt und enthalten teilweise Disclaimer, dass sie eben <em>nicht</em> Pro Ana supporten würden. In Teilen mag dies durchaus der Fall sein, jedoch laufen auch solche Accounts Gefahr, ein verzerrtes Bild über die Genesung nach einer Essstörung zu vermitteln. Zumeist werden dort &#8211; neben abgemagerten Aufnahmen aus der Extremzeit der eigenen Anorexie &#8211; täglich besonders schön dekorierte Mahlzeiten abfotografiert, vornehmlich von Süßspeisen. Dazu gibt es Bilder von Sporteinheiten, um nach dem extremen Abnehmen Muskeln aufzubauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">In Folge bilden sich eigene Bubbles an Usern, wo man &#8222;dazugehören&#8220; möchte. Auf den ersten Blick wirkt dies durchaus gesund und förderlich, jedoch täuscht es leider nur zu oft über den steinigen Weg eines echten Genesungsprozesses nach einer schweren Anorexie hinweg. Es reicht eben nicht, &#8222;einfach mal mehr zu essen&#8220;, wie es oft von Recovery Accounts vermitteln wird. Damit können zwar durchaus lebenswichtige Kilos zugenommen werden, aber die Ursachen und Wurzeln einer Essstörung lassen sich nicht alleine durch Zunehmen lösen, sondern bedürfen einer oft langwierigen professionellen Hilfe bzw. Therapie. Zudem werden von diesen Accounts sehr oft Light Produkte angepriesen, wie solche einer großen deutschen Firma, die zuckerfreie Nahrungsmittel auf Basis von u.a. dem Zuckeraustauschstoff Sucralose anbietet. Diese zuckerfreien High Protein-Produkte werden nicht nur zum Abnehmen benutzt, sondern auch unter Esssgestörten als Möglichkeit gesehen, sich Süßspeisen &#8222;gönnen&#8220; zu können. Dass dabei jedoch kein gesundes Esssverhalten trainiert wird, sondern dieses weiterhin auf Restriktionen basiert, fällt komplett unter den Tisch, wenn derartige Light Produkte in großem Stil von Instagram-Influencern mit Rabattcodes und ähnlicher Promotion beworben werden.</p>



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<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Instagram im Jahr 2024</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Was sind die aktuellen Bemühungen von Instagram, um der Ausbreitung von Pro Ana-Material Einhalt zu gebieten? In den <a href="https://web.archive.org/web/20240417161717/https://transparency.meta.com/de-de/policies/community-standards/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">aktuellen Community-Richtlinien auf den Hilfeseiten der Plattform</a> heißt es dazu: <em>&#8222;Die Instagram-Community ist ein Ort der Rücksichtnahme, an dem Personen mit schwerwiegenden Problemen wie Essstörungen oder der Neigung zum Ritzen oder anderen Formen der Selbstverletzung oft miteinander in Kontakt treten, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen oder Unterstützung zu erhalten. Wir versuchen, unseren Teil dazu beizutragen, indem wir in der App und im <a href="https://help.instagram.com/">Hilfebereich</a> nützliche Informationen bereitstellen, damit die Menschen die notwendige Hilfe erhalten können. Die Ermutigung oder das Drängen anderer zu <a href="https://www.facebook.com/communitystandards/suicide_self_injury_violence" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Selbstverletzung</a> verstößt gegen die Grundsätze einer fürsorglichen Umgebung. Deshalb entfernen wir entsprechende Inhalte oder deaktivieren zugehörige Konten, wenn wir entsprechende Meldungen erhalten.&#8220;</em></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Daneben wird auf die <a href="https://transparency.meta.com/de-de/policies/community-standards/suicide-self-injury/?source=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fcommunitystandards%2Fsuicide_self_injury_violence">Richtlinien des Meta Konzerns für Facebook</a> hingewiesen, welche das Thema Selbstverletzung und Essstörung betreffen: <em>&#8222;Wir gestatten nicht, dass Suizid, Selbstverletzung oder Essstörungen absichtlich oder unabsichtlich verherrlicht oder gefördert werden. Wir lassen jedoch zu, dass Nutzer Diskussionen zu diesen Themen führen, denn wir möchten, dass Facebook ein Ort ist, an dem die Menschen ihre Erfahrungen teilen, für solche Themen sensibilisieren und sich gegenseitig unterstützen können. (&#8230;)&#8220;</em></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Doch diese Selbstregulierung auf Anbieterseite für potenziell gefährliche Pro Ana-Inhalte funktioniert nur teilweise. Wie bereits dargelegt, erscheint bei Sucheingabe von gewissen Hashtags (wie dem absolut gesperrten Suchbegriff &#8222;<em>pro ana</em>&#8222;) zwar eine Infoseite mit den Worten &#8222;<em>Du kannst Hilfe erhalten</em>&#8220; sowie Verweise auf eine länderspezifische Helpline wie &#8222;<em>Rat auf Draht</em>&#8220; bzw. der Telefonseelsorge oder dem Tipp, Freunde anzurufen. Doch dies ist nur ein Mosaiksteinchen im Kampf gegen die Online Pro Ana-Szene. Denn bei Abfrage von anderen einschlägigen Hashtags &#8211; die an dieser Stelle bewusst namentlich nicht genannt werden &#8211; folgt neben dem Hinweis auf die Hilfsmöglichkeiten unter dem Disclaimer <em>&#8222;Words you&#8217;re searching for are often associated with sensitive content&#8220;</em> auch die Option <em>&#8222;continue to search results&#8220;</em>. Danach ist ein Abrufen des Suchergebnisses trotzdem möglich.</p>



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<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Neben Instagram macht jüngst insbesondere ein Medium mit Schlagzeilen rund um die Verherrlichung von Essstörungen auf sich aufmerksam: TikTok.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Die Problematik auf TikTok</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Es scheint, als sei die Pro Ana Szene gegenwärtig erneut in Teilen weitergezogen &#8211; und zwar diesmal auf die Kurzvideo-Plattform TikTok, die gerade unter Jugendlichen extrem populär ist. Als Nachfolgerin der beliebten App musical.ly ist sie seit Gründung 2017 die am schnellst wachsende App weltweit &#8211; ca. zwei Drittel aller amerikanischen Teenager nutzt diesen Dienst der chinesischen Firma ByteDance.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">TikTok steht mittlerweile international unter Kritik, nicht nur wegen jugendschutzrechtlicher Bedenken, sondern auch wegen Problemen mit dem Datenschutz bzw. Spionage und Zensur zugunsten der Regierung Chinas. Bezogen auf die Verherrlichung von Essstörungen hat die Plattform dieselbe Problematik wie Instagram: Erneut werden Hashtags dazu benutzt, um Pro Ana-Material zu verbreiten, wobei der Plattform-innewohnende Algorithmus bei der Distribution hilft, da er Usern ähnliche Videos vorschlägt wie solche, mit denen sie bereits interagiert haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Nach einer <a href="https://hhsbroadcaster.com/11434/world/tiktok-investigating-videos-promoting-starvation-and-anorexia-2/">Medienrecherche</a> rund um das Jahr 2020 sperrte TikTok sechs Pro Ana-Accounts und einige in der Szene sehr beliebte Hashtags. Ein Sprecher des Unternehmens wird dabei folgendermaßen <a href="https://hhsbroadcaster.com/11434/world/tiktok-investigating-videos-promoting-starvation-and-anorexia-2/">zitiert</a>: <em>&#8222;As content changes, we continue to work with expert partners, update our technology and review our processes to ensure we can respond to emerging and new harmful activities.&#8220;</em> Dass dies jedoch einem Kampf gegen Windmühlen gleicht, zeigt &#8211; wie bereits berichtet &#8211; erneut die Tendenz der User, Hashtags in anderer Schreibweise oder in der Szene bekannte Codebegriffe zu verwenden bzw. einschlägige Formulierungen lediglich in den Fließtext zu stellen. Auch die durchaus vorhandenen Bemühungen seitens TikTok, die Plattform als inklusiv darzustellen und für Body-Positivity einzutreten, wie eine <a href="https://newsroom.tiktok.com/en-us/coming-together-to-support-body-positivity-on-tiktok">Presseaussendung aus dem Jahr 2020</a> darlegt, ändern in der Praxis nur wenig.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Das<a href="https://counterhate.com/research/deadly-by-design/"> CCDH</a> (<em>Center for Countering Digital Hate</em>) veröffentlichte 2022 einen sehr kritischen <a href="https://counterhate.com/research/deadly-by-design/">Bericht</a> gegenüber TikTok, wo klar festgehalten wurde, dass die Gefahr für Kinder und Jugendliche unverändert besteht. Für die Studie des CCDH wurden zu Testzwecken neue Accounts in verschiedenen Ländern (USA, UK, Kanada und Australien) geschaffen und zwar unter Angabe des Minimum-Alters von 13 Jahren, welches die Plattform zur Benutzung ihrer Dienste erlaubt. Die <a href="https://counterhate.com/wp-content/uploads/2022/12/CCDH-Deadly-by-Design_120922.pdf">Ergebnisse</a> sind erschreckend: <em>&#8222;These accounts paused briefly on videos about body image and mental health, and liked them. What we found was deeply disturbing. Within 2.6 minutes, TikTok recommended suicide content. Within 8 minutes, TikTok served content related to eating disorders.&#8220;</em> Die Forschergruppe kreierte daneben auch weitere Accounts, die bewusst die Formulierung &#8222;<em>loseweight</em>&#8220; enthielten, um Mitglieder einer vulnerablen Teenangergruppe zu simulieren. Exakt diesen Accounts wurden vom Algorithmus der Plattform TikTok drei Mal mehr für sie gefährliche Videos vorgeschlagen und sogar zwölf Mal mehr Videos zum Thema Selbstverletzungen (vgl. <a href="https://counterhate.com/wp-content/uploads/2022/12/CCDH-Deadly-by-Design_120922.pdf">Studie</a>, S. 7).</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Nach zusammenfassenden Angaben dieses Berichts hat Content zu Essstörungen rund 13 Milliarden Views, alleine 56 problematische Hashtags konnten identifiziert werden, unter welchen diese Inhalte verbreitet wurden (vgl. <a href="https://counterhate.com/wp-content/uploads/2022/12/CCDH-Deadly-by-Design_120922.pdf">Studie</a>, S. 37). Hierbei kritisierte das Forschungsteam insbesondere den personalisierten &#8222;Für dich&#8220;-Feed, der &#8211; aufgrund des bereits angesprochenen Algorithmus &#8211; Videos basierend auf dem Klickverhalten, der Interaktionszeit und den (vermeintlichen) Interessen des Users vorschlägt.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Eine <a href="https://journals.library.cornell.edu/index.php/CURJ/article/view/662">Studie der Cornell Universität aus dem 2022</a> liefert ähnlich deutliche Ergebnisse: Hierfür wurde Content in Form von Postings und Kommentaren untersucht, die in der Pro Ana Szene als &#8222;<em>Thinspiration</em>&#8220; beschrieben ist. Anhand einer <a href="https://journals.library.cornell.edu/index.php/CURJ/article/view/662/624">quantitativen Auswertung wird deutlich</a>, dass damit ein äußerst ungesundes und unrealistisches Körperbild transportiert wird, was Essstörungen deutlich fördert und forciert &#8211; bei entsprechender Prädisposition noch mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die <a href="https://www.journalofhealth.co.nz/?page_id=2905&amp;fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTAAAR2fhQdxE4mUnB5jFBQroEC--HlsANlDpBd1m2_NiPeq9M0VJs8FvF1HoSo_aem_0h2o8NHnU6DmzUSJFZexbw">neuseeländische Fachzeitschrift &#8222;Journal of Health&#8220; berichtet 2023</a> über einen regelrechten Negativ-Wettbewerb auf TikTok: <em>&#8222;Many users of the app have stated that people are more or less competing with one another in an attempt to prove they are in the worst condition, or that they are the most resilient.&#8220;</em> Daneben wird auch der aktuelle Trend zu mehr Body Positivity kritisch gesehen, da auch dies zu einer ungesunden Fokussierung auf den Körper führen kann.</p>



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<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Betrachtet man diese Zahlen, Studien und die immer noch herrschende Vorgehensweise des Algorithmus, erscheinen sämtliche Versuche des Unternehmens für Body-Positivity einzustehen wie Augenauswischerei bzw. psychosoziales Greenwashing. Auch die kurze Darstellung zu Essstörungen auf der <a href="https://www.tiktok.com/safety/en-za/eating-disorder/">Unternehmenswebseite</a> wirkt eher verkürzt und geht nicht auf die Gefahren ein, die speziell auf TikTok für vulnerable Gruppen bestehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Etwas Positives ist dennoch festzustellen: Der deutsche <a href="https://www.jugendschutz.net/fileadmin/daten/publikationen/lageberichte/bericht_2020_selbstgefaehrdung_im_netz.pdf">Jugendschutzbericht aus dem Jahr 2020</a> zu Selbstgefährdung im Netz, der über die Gefahren von Suizid- und Selbstverletzungsverherrlichung sowie Pro Ana berichtet, vermerkt eine Löschquote von 97% bei TikTok: Damit liegt die Plattform deutlich vor den anderen populären sozialen Medien des Meta Konzerns wie Facebook, was die Reaktion auf gemeldete Beiträge bzw. deren schlussendliche Entfernung betrifft.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Dennoch darf der Aspekt der schnelleren Reaktionszeit des Unternehmens auf problematische Postings nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade TikTok unter Teenagern immer neue gefährliche Challenges liefert &#8211; wie z.B. jene nach hervorstehenden Schlüsselbeinen, auf denen für ein Foto Münzen gestapelt werden (der dazugehörende Hashtag wird an dieser Stelle bewusst nicht genannt), die schnell viral gehen. Zudem ist eine ex post-Entfernung von Problem-Postings immer einen Schritt hinterher, was proaktiven Jugendschutz angeht.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Für die Zukunft wäre ein verbesserter Algorithmus das Ziel bzw. dass ev. unter Einsatz von künstlicher Intelligenz schneller auf Beiträge reagiert werden kann, wenn diese essstörungsverharmlosende Inhalte aufweisen. Bis dahin bleiben TikTok &amp; Co. eine Gefahr für vulnerable junge Menschen und werden für diese Gruppe leider weiterhin dazu beitragen, Essstörungen aufrecht zu erhalten, anstatt sich zeitnah professionelle Hilfe zu holen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://analytische-kritik.de/alle/pro-ana-die-gefahr-von-instagram-tiktok/">Pro Ana &#8211; die Gefahr von Instagram &amp; TikTok</a> erschien zuerst auf <a href="https://analytische-kritik.de">Analytische Kritik</a>.</p>
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		<title>WhatsApp-Gefahr: Pro Ana-Gruppen &#038; Coaches</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gastautor]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Jan 2024 13:04:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2. Psychologie-Themen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Neben der generellen Gefahr durch Pro Ana-Gruppen sind es Männer mit pädophilen Neigungen, die das Gefährlichkeitspotenzial für Teenager und junge Menschen nochmals verschärft haben. Auf Kontakt-Suchbörsen der Pro-Ana-Szene geben viele User nicht nur anonyme Emails an, sondern auch ihre Telefonnummern für direkte Kontaktmöglichkeit auf WhatsApp, insbesondere wenn sie sich "Ana-Twins", also Abnehmpartner_innen, erhoffen. Diese Einträge auf den Suchbörsen gehen sehr oft Jahre zurück, dh. die Telefonnummern von zumeist Minderjährigen sind auf diese Weise leicht auffindbar - auch für sogenannte "Ana-Coaches". </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://analytische-kritik.de/alle/whatsapp-gefahr-pro-ana-gruppen-coaches/">WhatsApp-Gefahr: Pro Ana-Gruppen &amp; Coaches</a> erschien zuerst auf <a href="https://analytische-kritik.de">Analytische Kritik</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph" style="font-size:22px"><strong>WhatsApp-Gefahr: Pro Ana-Gruppen &amp; Coaches</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Ein Kennzeichen der Pro Ana-Bewegung war von Anfang an deren Verheimlichung und der Wunsch, &#8222;unter sich&#8220; zu sein. Dieser angestrebten Exklusivität kommen geschlossene WhatsApp Gruppen entgegen, die vor allem eines sind: einer der gefährlichsten Tummelplätze für essgestörte Menschen. Diese Gruppen unterliegen keinerlei Kontrollmöglichkeiten des Jugendschutzes, es gibt keine Chance, sie z.B. auf den Index zu setzen, wie es bei Webseiten, die Essstörungen verherrlichen, der Fall sein kann (<a href="https://analytische-kritik.de/pro-ana/begriffserklaerung-und-allgemeines/pro-ana-und-jugendschutz/">Siehe den Beitrag zum Thema Jugendschutz</a>).</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Auch wenn es &#8211; zum Glück &#8211; im Laufe der letzten Jahre etwas schwieriger geworden ist, derartige Gruppen zu finden, bleiben diese neben den sozialen Medien wie TikTok (<a href="https://analytische-kritik.de/pro-ana/soziale-medien-pro-ana/pro-ana-die-gefahr-von-instagram-tiktok/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">wir haben berichtet</a>) eine Gefahr für Leib und Leben &#8211; im wörtlichen Sinne. Immer noch (wenn auch in weitaus geringerer Anzahl) finden sich auch auf diversen Pro Ana-Suchbörsen Links zu &#8222;Vorgruppen&#8220; bzw. anonymen Kontaktmöglichkeiten via Emailadressen oder Kik-Chat. Letzterer scheint besonders beliebt zu sein, da er eine Video Funktion beinhaltet, um Fake Checks zu machen, denn insbesondere gegen Fakes wollen sich derartige Gruppen absichern bzw. gegen Männer mit pädophilen Neigungen (dazu unten mehr).</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Als Mitglied einer derartigen Pro Ana-Gruppe muss ein Steckbrief ausgefüllt werden: HG, TG, WG, CW und so weiter. Die Abkürzungen sind als Codes in der Szene gut bekannt und stehen für Höchstgewicht, Tiefstgewicht, Wunschgewicht, Current Weight, also gegenwärtiges Gewicht. Auch die Regeln sind in vielen Gruppen ähnlich: Manche geben ein Mindestalter für den Beitritt an (manchmal 14, 15 Jahre, teilweise 18) sowie einen bestimmten Mindest- oder Höchst-BMI. Gefordert werden zudem eine aktive Teilnahme am Gruppenleben sowie oft das Posten von Wiegebildern, das heißt, die abfotografierte Waage, die ohnehin jeder von Essstörungen betroffener Mensch daheim hat, und/oder Ganzkörperbilder. Auch das tägliche Verschicken von Screenshots von Abnehm-Apps, auf denen man die täglichen Kalorien protokollieren kann sowie gemeinsame Fasttage bzw. generelle Kalorienlimits sind üblich.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Ähnlich wie bei den früheren Pro Ana-Foren werden die Gruppen von einer oder mehreren Admins geleitet, welche auch für die Einhaltung der Gruppenregeln sorgen. Diese Kontrolle kann sich in mehr oder weniger strengen Sanktionen äußern, z.B. wenn vergessen wurde, bis Mitternacht ein Waagebild zu schicken. Die Folgen sind Verwarnungen, die Vergabe von Strafpunkten bzw. der Rauswurf aus der Gruppe. Meist bestehen derartige WhatsApp Gruppen jedoch nicht so lange wie frühere Webforen, es herrscht üblicherweise ein Kommen und Gehen von Mitgliedern, was den persönlichen Kontakt untereinander nicht mehr so intensiv werden lässt.</p>



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<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Pädophile als &#8222;Pro-Ana-Coaches</strong>&#8222;</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Neben der generellen Gefahr durch Pro Ana-Gruppen sind es Männer mit pädophilen Neigungen, die das Gefährlichkeitspotenzial für Teenager und junge Menschen nochmals verschärft haben. Auf Kontakt-Suchbörsen der Pro-Ana-Szene geben viele User nicht nur anonyme Emailadressen an, sondern auch ihre Telefonnummern für direkte Kontaktmöglichkeit auf WhatsApp, insbesondere wenn sie sich &#8222;Ana-Twins&#8220;, also Abnehmpartner_innen, erhoffen. Diese Einträge auf den Suchbörsen gehen sehr oft Jahre zurück, dh. die Telefonnummern von zumeist Minderjährigen sind auf diese Weise leicht auffindbar &#8211; auch für sogenannte &#8222;Ana-Coaches&#8220;. Mit WhatsApp Gruppen hat die Anonymität der alten Webforen, wo sich User hinter Pseudonymen wie &#8222;FairyAngel&#8220;, &#8222;Mondschein&#8220; o.ä. verbergen konnten, ein Ende genommen &#8211; ein zusätzliches Risiko.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Denn unter dem Deckmantel, ein sogenannter &#8222;Coach&#8220; zu sein und zum Abnehmen anzutreiben, nehmen v.a. Männer mit pädophilen Neigungen Kontakt mit Minderjährigen (aber auch jungen Frauen über 18) auf, um sich letztendlich Bilder in Unterwäsche oder Nacktfotos von diesen schicken zu lassen. Dazu setzen diese &#8222;Coaches&#8220; auch eindeutige Inserate auf Such-Seiten, wo z.B. als Offert angeboten wird, die &#8222;Kontrolle der Nahrungsaufnahme und des Sports&#8220; zu übernehmen. Voraussetzung für die Teilnahme sei, &#8222;keine Probleme mit Selbstbestrafung zu haben&#8220; und willkommen wären &#8222;Anas, Borderlinerinnen und SVV-Anas bzw. Mias&#8220;, die auch bereit sind &#8222;Figurfotos&#8220; zu schicken. Mit einer derartigen Annonce wird gezielt Jagd auf vulnerable Menschen mit Essstörungen und anderen psychischen Erkrankungen gemacht, um diese virtuell auszubeuten.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Dabei kann auch &#8211; neben der Missbrauchssituation selbst &#8211; eine gefährliche emotionale Abhängigkeit der vulnerablen Minderjährigen von den &#8222;Coaches&#8220; entstehen, wenn diese als vermeintlich Vertraute und im Extremfall als Seelenverwandte beim Wunsch, immer dünner zu werden, angesehen werden. Genau auf dieses Grooming-Verhalten von Tätern geht auch eine <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/eat.24074">aktuelle Studie aus dem Herbst 2023</a>, veröffentlicht im &#8222;<em>International Journal of Eating Disorders</em>&#8222;, ein. Dafür wurden Interviews mit Betroffenen geführt sowie Fake-Profile auf Plattformen angelegt.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Medienberichte und Selbstversuch</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Im Laufe der letzten Jahre gab es zahlreiche Medienberichte über die Gefahr von Coaches, so z.B. eine Reportage in der <a href="https://www.ardmediathek.de/video/puls-reportage/wie-gefaehrlich-sind-anorexie-coaches/br-de/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvLzcxY2VmNzNkLTY3MzUtNDVkYi04OTBjLTdjZjc5ZDE1ODBmOA">ARD-Mediathek</a> oder diverse Artikel, für deren Recherche sich Journalisten als Minderjährige ausgaben und danach über ihre Erfahrungen mit diesen Coaches berichteten. Mittlerweile ist das Thema nicht mehr neu und es herrscht eine gewisse Sensibilisierung der Öffentlichkeit für diese Art des Online-Missbrauchs von Jugendlichen. Auch auf den Pro Ana-Suchplattformen mehren sich die Warnungen anderer User, nicht mit derartigen Coaches Kontakt aufzunehmen. Es ist also mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass das Wissen um die Gefahr durch Pädophilie und (sexuelle) Ausbeutung inzwischen in der Pro Ana-Szene angekommen und allseits bekannt sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Wie sieht es mit der Strafverfolgung aus? Ein <a href="https://uitspraken.rechtspraak.nl/details?id=ECLI:NL:RBGEL:2013:2467">Urteil aus den Niederlanden</a> aus dem Jahr 2013 nimmt explizit auf den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen im Kontext der gezielten Förderung von Essstörungen Bezug. Doch es kommt &#8211; leider wie so oft &#8211; nur in den aller wenigsten Fällen zu Strafanzeigen gegen Online-Täter und die Dunkelzimmer dürfte, auch aus Scham auf Opferseite, hoch sein. Für Polizei und Behörden ist es meist nahezu unmöglich, Täter auszuforschen bzw. gibt es nur wenige Berichte über polizeiliche Ermittlungen. Es scheint fast so, als wären Chatgruppen und Chat-Apps die Büchse der Pandora für pädophile Internetkriminalität, wo gezielt junge Menschen mit Essstörungen ins Visier genommen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Derartige Chat-Apps gibt es viele, ein in Deutschland sehr bekannter Anbieter ist <em>Kik</em>. In den dortigen <a href="https://kikhelpcenter.zendesk.com/hc/en-us/articles/4402358258971-Kik-Community-Standards">Community Richtlinien</a> heißt es zwar klar: <em>&#8222;Do not promote or glorify self-harm — including cutting, eating disorders, and suicide. We encourage discussions that raise awareness, provide support, and promote recovery for those struggling with self-harm. While dialogue about these topics is important, we will remove any posts that cross the line into promoting or glorifying self-harm. Let us know if you see someone on Kik discussing harming themselves or others.&#8220;</em></p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:50%">
<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Das heißt, die Plattform <em>Kik</em> erlaubt öffentliche Austauschgruppen zu Themen wie Essstörungen unter obig zitierten Gesichtspunkten. Doch ein kurzer Selbstversuch aus dem Frühsommer 2024 zeigt: Direkt nach Betreten einer solchen Chatgruppe &#8211; ohne jegliche Interaktion darin &#8211; bekomme man binnen drei Minuten eine Privatnachricht, die lediglich aus einem Satz besteht: &#8222;<em>Are you looking for a coach?</em>&#8222;</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:50%"><div class="wp-block-image">
<figure data-wp-context="{&quot;imageId&quot;:&quot;6a76ba223b9b7&quot;}" data-wp-interactive="core/image" data-wp-key="6a76ba223b9b7" class="aligncenter size-full is-resized wp-lightbox-container"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="921" height="825" data-wp-class--hide="state.isContentHidden" data-wp-class--show="state.isContentVisible" data-wp-init="callbacks.setButtonStyles" data-wp-on--click="actions.showLightbox" data-wp-on--load="callbacks.setButtonStyles" data-wp-on--pointerdown="actions.preloadImage" data-wp-on--pointerenter="actions.preloadImageWithDelay" data-wp-on--pointerleave="actions.cancelPreload" data-wp-on-window--resize="callbacks.setButtonStyles" src="https://analytische-kritik.de/wp-content/uploads/2024/06/447620074_1638145520336654_492627192397327421_n-1.jpg" alt="" class="wp-image-398" style="width:195px;height:auto" srcset="https://analytische-kritik.de/wp-content/uploads/2024/06/447620074_1638145520336654_492627192397327421_n-1.jpg 921w, https://analytische-kritik.de/wp-content/uploads/2024/06/447620074_1638145520336654_492627192397327421_n-1-300x269.jpg 300w, https://analytische-kritik.de/wp-content/uploads/2024/06/447620074_1638145520336654_492627192397327421_n-1-768x688.jpg 768w" sizes="(max-width: 921px) 100vw, 921px" /><button
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<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Das Risiko für Minderjährige und essstörungsgefährdete, vulnerable Personengruppen bleibt also immens hoch, so lange es keine Möglichkeit gibt, Grooming-Verhalten in Privatnachrichten auf derartigen Chat-Plattformen zu unterbinden. Und eine solche ist derzeit nicht in Sicht.</p>



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<p>Der Beitrag <a href="https://analytische-kritik.de/alle/whatsapp-gefahr-pro-ana-gruppen-coaches/">WhatsApp-Gefahr: Pro Ana-Gruppen &amp; Coaches</a> erschien zuerst auf <a href="https://analytische-kritik.de">Analytische Kritik</a>.</p>
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		<title>Pro Ana und Jugendschutz</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gastautor]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 15 Dec 2023 13:04:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2. Psychologie-Themen]]></category>
		<category><![CDATA[Alle]]></category>
		<category><![CDATA[Jugendschutz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die deutsche Politik bzw. der deutsche Jugendschutz beschäftigen sich seit Jahren mit dem Problemfeld Pro Ana. So verlinkt z.B. eine Broschüre des Familienministeriums hierzu Anlaufstellen und Hilfemöglichkeiten. Die Webseite Jugendschutz.net ist federführend in der Aufklärung und warnt u.a. vor einem „lebensgefährlichen „Wir-Gefühl“, das von Therapien abhält, zur Geheimhaltung animiert und immer weiter in den Strudel der Krankheit treibt.“ Bereits im Jahr 2009, also zur Hochblüte der deutschen Pro Ana Webforen, hat die 1997 gegründete Einrichtung Jugendschutz.net in einer Bundestags-Anhörung im Ausschuss für Familie, Frauen, Senioren und Jugend auf das Problem aufmerksam gemacht.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph" style="font-size:22px"><strong>Pro Ana und Jugendschutz</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Die deutsche Politik bzw. der deutsche Jugendschutz beschäftigen sich seit Jahren mit dem Problemfeld Pro Ana. So verlinkt z.B. eine <a href="https://www.bmfsfj.de/resource/blob/93692/96f2606252083cf6c5017bd9673ae466/essstoerungen-ratgeber-pdf-data.pdf">Broschüre des Familienministeriums</a> hierzu Anlaufstellen und Hilfemöglichkeiten. Die Webseite <a href="https://www.jugendschutz.net/themen/selbstgefaehrdung/artikel/essstoerungen-online">Jugendschutz.net</a> ist federführend in der Aufklärung und warnt u.a. vor einem<em> „lebensgefährlichen „Wir-Gefühl“, das von Therapien abhält, zur Geheimhaltung animiert und immer weiter in den Strudel der Krankheit treibt.</em>“</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Bereits im Jahr 2009, also zur Hochblüte der deutschen Pro Ana Webforen, hat die 1997 gegründete Einrichtung Jugendschutz.net <a href="https://webarchiv.bundestag.de/archive/2009/0605/ausschuesse/a13/anhoerungen/anhoerung19/stellungnahmen/459a_16_13_rauchfuss.pdf">in einer Bundestags-Anhörung im Ausschuss für Familie, Frauen, Senioren und Jugend</a> auf das Problem aufmerksam gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Die in dieser Stellungnahme präsentierten Zahlen sind erschreckend hoch: Seit 2006 wurden vom Jugendschutz über 670 Pro-Ana-Angebote recherchiert, bei 8 von 10 bestand dringender Handlungsbedarf (Stand: 2009). Durch Beanstandungen bei den Seitenbetreibern bzw. Anbietern von kommunikativen Diensten konnten Maßnahmen gegen die Ausbreitung dieser Webseiten ergriffen werden – mit einer Erfolgsquote von über 80 Prozent. Parallel zur Löschung der Seiten wurde eine Platzhalterseite namens <a href="http://www.anaundmia.de/">http://www.anaundmia.de</a> erstellt, die Links zu Hilfestellen enthielt, welche Provider anstatt des gesperrten Angebots bereithalten konnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Ein weiterer Erfolg im Kampf gegen die deutsche Pro Ana Szene war die Indizierung eines Pro Ana Blogs bei blogspot im selben Jahr 2009. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdenden Medien (BPjM) setzte eine bei Google gehosteten Seite, die in Folge offline genommen wurde, <a href="https://doerre.com/jugendschutz/20081204_bpjm_index.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">auf den Index</a>. Autorin war eine minderjährige Bloggerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Rechtliche Vorgehensweise</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Die Prüfung, ob diese Inhalte jugendgefährdend im Sinne des §18 JuSchG sind, erfolgt u.a. auch am Maßstab der Grundwerte der Verfassung, insbesondere Art. 1 Abs. 1 GG und Art. 6 Abs. 2 GG.131. Von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien wird eine Jugendgefährdung dann angenommen, wenn Medien dazu auffordern, sich oder anderen Menschen (schwere) körperliche Schäden zuzufügen, oder ein Verhalten verherrlicht bzw. verharmlost wird, das zu körperlichen Schäden führen kann. Eine Indizierung ist möglich, wenn es sich um jugendgefährdende Inhalte handelt; die Rechtsfolgen ergeben sich nach Landesrecht (Jugendmedienschutz-Staatsvertag). Sofern jugendgefährdende Inhalte vorliegen, dürfen diese nicht mehr durch Anbieter verbreitet oder sonst zugänglich gemacht werden. Falls die Einstufung als jugendgefährdend nicht erfüllt ist, ist auch eine Deklaration als &#8222;entwicklungsbeeinträchtigend&#8220; gem. §5 JMStV möglich, worunter zum Beispiel Inhalte fallen, die auf der Beibehaltung der Krankheit fokussieren und therapeutische Hilfe ablehnen &#8211; was in Pro Ana-Webforen zumeist der Fall ist. Rechtlich käme in diesem Fall eine Altersregelung oder Labeling seitens des Anbieters in Betracht. (vgl. <a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/410180/742999c19d5bc36ddcc498d924c928c4/WD-10-049-15-pdf-data.pdf">Bundestag, 2015</a>, S. 30 ff.)</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Im Anlassfall der Pro Ana-Webseite der minderjährigen Betroffenen von 2009 kam es in Folge zur Abwägung der verfassungsrechtlichen Rechtsgüter Kunstfreiheit (inklusive Meinungsfreiheit) gegenüber dem ebenfalls im Verfassungsrang stehenden Jugendschutz, wobei die Behörde letzterem den Vorrang einräumte. <a href="https://doerre.com/jugendschutz/20081204_bpjm_index.pdf">In der Begründung des Indizierungsantrags wurde detailliert angeführt</a>, warum diese Webseite gemäß §18 (1) JuSchG dazu geeignet war, <em>&#8222;die Entwicklung von Kinder und Jugendlichen zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu gefährden&#8220;</em>. In Folge wurde deren Inhalt als &#8222;<em>mindestens jugendgefährdend</em>&#8220; eingestuft: <em>&#8222;Die Indizierung hatte deshalb zu erfolgen, weil Kinder und Jugendliche durch das beanstandete Internet-Angebot zu einem Verhalten aufgefordert werden, mit dem sie sich selbst schwerste und lebensbedrohende Schänden zufügen.&#8220; </em></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Wenige Jahre später, 2015, erschien eine <a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/410180/742999c19d5bc36ddcc498d924c928c4/WD-10-049-15-pdf-data.pdf">umfangreiche Ausarbeitung des Bundestags zum Thema Magermodels in den Medien und der Möglichkeit staatlicher Einflussnahme</a>. In diesem rechtlichen Gutachten ging es neben der Problematik der Abbildungen von Magermodels um die staatlichen Handlungsmöglichkeiten im Rahmen der Jugendschutz Gesetze. Im Kapitel 7 (Seite 28 ff.) wird direkt auf Pro Ana Seiten eingegangen und einige Charakteristika von Foren und Webseiten aufgezählt, die jugendschutzrechtliche Bedenken gem. §§4, 5 JMStV auslösen: &#8222;Anas Brief&#8220; mit der Personifizierung von Ana als &#8222;Freundin&#8220;, Thinspiration-Bilder, Tipps und Tricks zur Gewichtsreduktion und Geheimhaltung, feste Regeln und Gebote an Verhaltensweisen, Glaubensbekenntnisse und Psalmen, die die Krankheit zelebrieren sowie Motivations- und &#8222;Thinlines&#8220; zum Ansporn.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Ein generelles Verbot sämtlicher Pro Ana-Inhalte ist jedoch nach Ansicht der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien nicht möglich, denn diese sind sehr unterschiedlich in ihrem Angebot. Zudem müssen diese in Einzelfallprüfungen den genannten Grundrechte gegenübergestellt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>Internationale Regelungen im Kampf gegen Pro Ana</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Von der deutschen Regelung unterscheidet sich die Herangehensweise in <strong>Frankreich</strong> maßgeblich: Dort wurde bereits 2008 ein <a href="https://www.reuters.com/article/idUSL15786858/">Gesetz vorbereitet</a>, das „Anstiftung zur Magersucht“ der Anstiftung zum Suizid gleichstellte und unter Geld- oder Haftstrafe stellt &#8211; mit dementsprechenden strafrechtlichen Konsequenzen. Dazu waren mehrere Gesetzesanläufe notwendig bis im <a href="https://www.assemblee-nationale.fr/14/amendements/2673/AN/1052.asp">Jahr 2015 die französische Nationalversammlung</a> einer derartigen Gesetzesänderung (parallel zu einer Initiative gegen Magermodels in der Modebranche) zustimmte: Betreiber von Pro Ana Webseiten traf nun eine bis zu einjährige Haftstrafte bzw. Geldbußen im Ausmaß von 10.000 Euro.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Diese normative Lösung wäre jedoch nicht 1:1 auf Deutschland übertragbar, führt das Rechtsgutachten des Bundestags aus: <em>&#8222;Für Anstiftung im Sinne des deutschen Strafgesetzbuches ist eine rechtswidrige Haupttat nötig (vgl. § 26 StGB). Magersucht oder andere Essstörungen stellen keine rechtswidrige, notwendig<br>tatbestandsmäßige Haupttat im Sinne des §26 StGB dar, sie sind als eigenverantwortliche Selbstgefährdung dem Schutz des Art. 2 Abs. 1 S. 1 GG unterworfen. Auch eine Anlehnung wie beim  französischen Vorhaben an eine Anstiftung zum Selbstmord läuft fehl, da eine solche Strafbarkeit im deutschen Recht nicht vorgesehen ist. In Betracht käme die Erarbeitung eines neuen oder ergänzenden Straftatbestands, angelehnt an die Formulierung des §131 StGB, der gewaltverherrlichende oder verharmlosende Darstellungen unter Strafe stellt.&#8220; </em>(<a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/410180/742999c19d5bc36ddcc498d924c928c4/WD-10-049-15-pdf-data.pdf">Bundestag, 2015</a>, S. 34 f.)</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Es bedarf zudem, wie erwähnt, einer Abwägung mit den grundgesetzlichen Freiheitsrechte.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Auch in anderen Ländern wie Großbritannien, den Niederlanden oder Israel gab es zeitgleich ähnliche Initiativen, die sich einerseits gegen die Modeindustrie wandten, die dortige Einführung eines Mindest-BMIs sowie die Kennzeichnung retuschierter Modefotos forderten, und andererseits gegen Pro Ana Seiten. Im Folgenden nur einige Beispiele, die internationale Vorgehensweisen im Kampf gegen essstörungsverherrlichende Inhalte zeigen:</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">In <strong>Italien</strong> gab (und gibt) es parallel zu den Bemühungen in Frankreich ebenfalls seit dem Jahr 2008 Kampagnen und <a href="https://documenti.camera.it/_dati/leg16/lavori/schedela/apriTelecomando_wai.asp?codice=16PDL0021910">ähnliche Gesetzesiniviativen</a>, um den <em><a href="https://portale.fnomceo.it/wp-content/uploads/2018/09/Disturbi-del-comportamento-alimentare-11.09.18.pdf">Artikel 580-bis</a></em> über die Strafbarkeit der Anstiftung zur Anorexie ins italienische Strafgesetzbuch einzuführen. Aktuell &#8211; <a href="https://www.ilmattino.it/primopiano/sanita/anoressia_disturbi_alimentari_reato_istigazione_stretta_meloni-7313880.html">im Jahr 2023</a> &#8211; wurde über eine Bußgeldhöhe von 150.000 Euro und bis zu vierjährigen Freiheitsstrafen in besonders schweren Fällen (wenn das Opfer z.B. unter 14 Jahren ist) <a href="https://www.giustizia.it/giustizia/it/mg_2_5_12_1.page?contentId=GLM1144726">diskutiert</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Die <strong>Schweiz</strong> hat Pro Ana-Inhalte nicht unter ein generelles Verbot gestellt, wie <a href="https://grosserrat.bs.ch/dokumente/100389/000000389347.pdf">in einer Interpellation an den Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt</a> beschrieben wird. In der Anfragebeantwortung heißt es zur Diskussion zu einem Verbot von Pro-Ana-Seiten: <em>&#8222;Ein gesetzliches Verbot müsste jedoch auf eidgenössischer Ebene erlassen werden, da sich eine kantonale Verbotsnorm nur auf Kantonsgebiet verfolgen liesse. Wie weit ein solches Verbot jedoch geeignet wäre, einer Verherrlichung der Magersucht entgegenzuwirken, ist allerdings sehr fraglich, insbesondere weil viele der genutzten Plattformen nicht in der Schweiz gehostet werden. Weiter dürfte es sehr schwierig sein, entsprechende Anstifterinnen oder Anstifter aus den Foren zu ermitteln und strafrechtlich zu belangen, gerade wenn diese aus dem Ausland operieren und dieses Land kein Verbot kennt.&#8220;</em></p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Auch in <strong>Österreich</strong> ist die Situation ähnlich, wie das <a href="https://datum.at/zu-wenig-zum-leben/">Magazin Datum im Jahr 2019 zusammenfasst</a> und eine Kinderrechtsexpertin zitiert: Demgemäß gibt es keine generelle Rechtsgrundlage zur Löschung von entsprechenden Inhalten, unter Umständen könnten Inhalte nach dem Jugendschutzgesetz des jeweiligen Bundeslandes als jugendgefährdend eingestuft werden. </p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">In <strong>Spanien</strong> kam es auch zu <a href="https://www.thetimes.co.uk/article/spain-takes-lead-in-closing-down-the-websites-that-tell-girls-its-good-to-be-anorexic-3xg28n702k6">frühen Bemühungen gegen Pro Ana</a>, so setzte z.B. die spanische Kinderschutzorganisation Protegeles auf die freiwillige Selbstbindung der Provider. Die Organisation traf in den frühen 2000er Jahren bereits mit mehreren Providern entsprechende Vereinbarungen und hat zudem Infohotlines eingerichtet, an einer <a href="https://riull.ull.es/xmlui/bitstream/handle/915/5309/APOLOGIA%20DE%20LA%20ANOREXIA%20Y%20LA%20BULIMIA%20EN%20INTERNET.pdf?sequence=1&amp;isAllowed=y">Studie</a> über die Gefahren von Pro Ana mitgewirkt und eine Ersatzseite anstelle von Pro Ana-Angeboten https://www.anaymia.com/ eingerichtet. Diese ist allerdings gegenwärtig nicht mehr erreichbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">In den <strong>USA</strong> wurden ab 2001 von der Suchmaschine Yahoo sukzessive Pro Ana Inhalte entfernt, diesem Bestreben folgten danach u.a. MySpace und MSN sowie Ebay, das Pro Ana Produkte von der Liste der erlaubten Produkte strich. </p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:18px">Neue Herausforderungen und Problemfelder für Behörden, Jugendschützer und Beratungsstellen weltweit ergeben sich insbesondere in den sozialen Medien, gegenwärtig vor allem in von außen nicht kontrollierbaren <a href="https://analytische-kritik.de/pro-ana/soziale-medien-pro-ana/whatsapp-gefahr-pro-ana-gruppen-coaches/">WhatsApp Gruppen</a> oder auf der <a href="https://analytische-kritik.de/pro-ana/soziale-medien-pro-ana/pro-ana-die-gefahr-von-instagram-tiktok/">Plattform TikTok</a>. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://analytische-kritik.de/alle/pro-ana-und-jugendschutz/">Pro Ana und Jugendschutz</a> erschien zuerst auf <a href="https://analytische-kritik.de">Analytische Kritik</a>.</p>
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