Wenn Biologie die Macht verdeckt
Ich habe mir das Video von SinansWoche angesehen, weil es etwas berührt, das mich seit Jahren beschäftigt: die Art, wie männliche Deutungshoheit funktioniert, wenn sie sich als nüchterne Vernunft verkleidet.
Der Ausgangspunkt ist scheinbar klar. Ein 29-jähriger Landtagsabgeordneter erzählt von einem Schulbesuch. Eine Klasse, „30, 80 % Mädchen“. Und der Satz: „Also da gibt’s für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen.“
Dazu die Beschreibung einer Schülerin: „Eva. Braune Haare, rehbraune Augen.“
Was darauf folgte, war Empörung. Und Sinan macht genau das, was er selbst als seine Spezialität inszeniert: Er geht „in die Schusslinie“, analysiert rechtlich, biologisch, moralisch. Er will differenzieren, nicht moralisieren. Er will nicht im Chor mitsingen.
Das Problem ist nur: Er analysiert an der zentralen Struktur vorbei.
Er verlegt die Debatte sehr früh von der Frage nach Macht auf die Frage nach Trieb. Er stellt provokant in den Raum:
„Wäre es denn so problematisch, wenn ein 29-Jähriger eine deutliche Anziehung zu einer 15-jährigen verspürt?“
Das klingt mutig, unbequem und rational. Aber es ist eine Verschiebung, denn darum ging es nie.
Es ging nicht darum, ob ein erwachsener Mann biologische Impulse haben kann. Es ging nicht um Strafrecht. Es ging nicht um Paragraf 176 oder 182 StGB. Es ging um eine Situation: Ein gewählter Politiker betritt einen Schutzraum – eine Schule – und rahmt minderjährige Schülerinnen öffentlich ästhetisch.
Ein Landtagsabgeordneter ist kein Privatmann im Café. Er ist Amt. Er ist Repräsentant politischer Macht. Er steht vor Jugendlichen, die sich in einem institutionellen Kontext befinden, in dem sie nicht einfach aufstehen und gehen können. Er ist erwachsen. Sie sind minderjährig. Er spricht von oben – sie hören von unten.
Dieses Gefälle verschwindet nicht, nur weil kein Gesetz gebrochen wurde.
Sinan referiert ausführlich die rechtliche Lage. Er erklärt Einwilligungsfähigkeit. Er differenziert zwischen Pädophilie und Hebephilie. Er sagt:
„Rein biologisch … es ist nicht anormal oder untypisch, dass ein Mann sich davon sexuell angezogen fühlt.“
Formal stimmt das. Biologie erklärt, warum bestimmte Reifesignale wirken können. Aber Biologie ist keine politische Kategorie. Sie ist keine Entschuldigung für Rahmung. Und sie ist kein Maßstab für Professionalität.
Feminismus hat nie behauptet, dass Männer keine Impulse haben. Feminismus fragt, wie mit Macht umgegangen wird. Und genau hier bleibt Sinan auffällig still. Er spricht zwar über Abhängigkeitsverhältnisse – Lehrer, Trainer, Vorgesetzte – aber er behandelt das als juristischen Sonderfall. Was er nicht tut: die konkrete Situation als Machtkonstellation ernst nehmen.
Ein Abgeordneter in einer Schulklasse trägt Verantwortung. Nicht nur rechtlich, sondern symbolisch. Schulen sind Schutzräume. Erwachsene, die dort auftreten, unterliegen impliziten Standards: keine sexualisierende Rahmung, keine körperbezogene Anekdotisierung, kein jovialer „Locker Room“-Ton.
Dass er „Eva“ mit „braunen Haaren und rehbraunen Augen“ beschreibt, ist eine bewusste Entscheidung. Er hätte ihre Frage erinnern können. Ihre Argumentation, ihre Kritik – stattdessen bleibt ein Bild. Ein ästhetischer Marker. Ein Blick.
Sinan sagt:
„Also rein von den Worten her war das nicht wirklich sexuell.“
Das ist die engste mögliche Lesart. Sexualisierung beginnt nicht erst bei Obszönität. Sie beginnt dort, wo Mädchenkörper in Situationen hervorgehoben werden, in denen sie irrelevant sind. Wenn ein politischer Austausch durch eine ästhetische Erinnerung eingefärbt wird.
Es ist diese Normalität, die mich berührt – und stört.
Denn ich kenne sie. Ich kenne sie aus politischen Räumen, aus medizinischen Kontexten, aus Diskussionen, in denen Frauen oder Mädchen nie ganz nur Subjekt sind. Ihr Körper läuft immer mit, als Unterton, als humorige Bemerkung und als „nicht so schlimm“.
Sinan will nicht normalisieren. Er sagt sogar ausdrücklich, dass man solche Kommentare besser unterlassen sollte. Aber indem er die Diskussion auf Biologie und Strafrecht verlegt, verschiebt er den Maßstab. Plötzlich diskutieren wir darüber, ob Anziehung „unnatürlich“ sei – statt darüber, warum ein Amtsträger es für erzählenswert hält, dass eine Klasse überwiegend aus Mädchen besteht.
Und das ist der entscheidende Punkt.
Macht zeigt sich nicht nur in Gesetzen. Sie zeigt sich in Erzählungen. In dem, was als lustig gilt. In dem, was als harmlos durchgeht. In dem, was nicht weiter hinterfragt wird.
Wenn Sinan sagt:
„Da braucht es meiner Meinung nach keine empörte Moralpolizei.“
Dann stimme ich zu. Es braucht keine Moralpolizei. Aber es braucht Sensibilität für strukturelle Verantwortung. Wer Macht hat, verzichtet freiwillig auf bestimmte Formen der Sprache. Nicht aus Angst vor Strafe, sondern aus Professionalität.
Für mich ist diese Analyse deshalb kein Nebenkriegsschauplatz. Sie berührt meine feministischen Bemühungen genau an der Stelle, an der es oft leise wird. Feminismus ist nicht nur Kampf gegen offene Gewalt. Er ist auch Kritik an jenen diskursiven Verschiebungen, die Macht unsichtbar machen.
Wenn eine Debatte von „Autoritätsgefälle im Schutzraum Schule“ zu „Biologische Natürlichkeit männlicher Anziehung“ kippt, dann ist das eine Entpolitisierung.
Nicht der Gedanke im Kopf ist das Problem. Nicht das Strafrecht ist die Grenze. Sondern die Entscheidung, als erwachsener Politiker minderjährige Schülerinnen ästhetisch zu markieren – und das als Anekdote mit Grinsen zu erzählen.
Das ist kein Verbrechen, aber es ist eine Struktur. Und Strukturen verändern sich nicht dadurch, dass man sie naturwissenschaftlich erklärt.
Zusatz:
Unter dem Video, das vorgibt, „von mehreren Seiten“ zu analysieren, versammeln sich vor allem Männer, um sich gegenseitig für ihre Nüchternheit zu applaudieren.
Die einzige weibl. Stimme, die von Unbehagen spricht, wird kaum beachtet. Zumindest war das die einzige Stimme, die mir aufgefallen ist.
Vielleicht zeigt genau diese Stille, worum es wirklich geht:
Nicht um Moral. Nicht um Biologie. Sondern darum, wer bestimmen darf, was als Problem gilt – und was als überempfindlich verschwindet.