Eine Diagnose schafft Abstand

Und Abstand schützt das System.

(System: Therapeut, Staatsanwälte, Richter, Gutachter, Justiz)

Einleitung

Solch manipulatives Verhalten und Empathielosigkeit sind Faktoren, die auch bei Psychopathie in Erscheinung treten, tönt es in den Medien. Agoraphobie, Kontrollzwänge, depressive Störungen und auch: Borderline-Persönlichkeitsstörung. Borderlinepatienten gelten als manipulativ, sie neigen zum Lügen, heißt es in einem anderen Artikel. Wenn es sich bei Josephine R. um eine Borderlinerin handle, dann könne man oft nicht unterscheiden zwischen Lüge und Wahrheit, bekräftigt die Süddeutsche Zeitung.

Vielleicht ist es aber auch ein dissoziativ-histrionisch-narzisstisches Mischprofil mit Pseudologia-Fantastica-Anteilen“, füge ich leicht sarkastisch hinzu, streiche es aber sogleich wieder, denn genau das ist es, was das Systemversagen relativiert. In fast jedem Artikel, der sich auf „den Fall Josephine R.“ bezieht, bekam die Tatperson eine mögliche Diagnose zugeschrieben. Der mediale Reflex ist alt und billig: Findet ein Etikett, das ihre Anomalie erklärt. Borderline. Narzissmus. Eine besondere Form des Münchhausen-Syndroms. Psychopathie. Psychose. Wahn. Irgendwas muss doch „anders“ an ihr sein.

Und warum? Weil die Diagnose das System entlastet. „So eine“ könne selbst Profis täuschen.
Diese Zuschreibungen sind – vor allem, wenn man sie mit Generalisierung verbindet – Stigma, keine Wissenschaft. Aber sie erfüllen einen Zweck: Sie verschieben den Fehler vom System in die Struktur des Individuums. Die subtile Botschaft: Therapeuten und Staatsanwälte wurden Opfer einer außergewöhnlichen psychischen Störung.
Die Wahrheit ist allerdings wesentlich banaler: Sie wurden Opfer ihrer eigenen Profession.

Die Monstrologie: Wie Medien Systeme unsichtbar machen

Wir haben es mit einem System zu tun, das seine eigene Fehlerproduktion tarnt, indem es sie zur Ausnahme erklärt. „Justizskandal“, „Lüge“, „unglaublich“ – Begriffe, die suggerieren, es handle sich um eine Singularität. Ein Unfall. Eine Entgleisung. Ein Monster, das zufällig durchs Raster fällt.

Die Schlagzeilen funktionieren wie Scheinwerfer: Sie tun so, als würden sie einen einzelnen Fall ausleuchten – in Wirklichkeit blenden sie die Struktur aus. Josephine muss zur unheimlichen Ausnahme stilisiert werden: übermenschlich manipulativ, psychologisch „besonders“, fast schon mythisch. Je monströser die Täterin, desto reiner die Institutionen.

In dieser Logik wirkt es, als sei Josephine all den Störungen, die ihr zugeschrieben werden, in einem einzigen Moment anheimgefallen. Ihre Vorgeschichte wird gestreift, aber nie entfaltet; sie verliert sich in den ausufernden, fast schon literarischen Rekonstruktionen des Tathergangs.

Das Narrativ ist fixiert:
Josephine – unheimlich, rätselhaft, zerstörerisch.
Die Mutter – warmherzig, leise, „ich kann meine Tochter nicht hassen“.
Die Professionen – tragisch verführt, überrumpelt, „getäuscht“.

Dramaturgisch effizient.
Institutionell entlastend.
Empirisch haltlos.

Die Diagnose selbst wird missbraucht

Die Aussage: „Borderline-Personen lügen häufig und manipulieren“ oder: „Borderline-Personen können oft nicht unterscheiden zwischen Lüge und Wahrheit“, ist fachlich falsch und diskursiv hochgefährlich.

Borderline bedeutetBorderline bedeutet nicht
Identitätsinstabilitätkalkulierte Lüge
Affektregulationsstörungstrategische Manipulation
extreme Sensitivität für VerlustSplit-Personality-Thriller
black-and-white-BindungsdynamikSpaß am Täuschen

Man muss es so klar und deutlich sagen:
Hier wird die gesamte Gruppe der Borderline-Diagnostizierten öffentlich stigmatisiert:

  • ihre Glaubwürdigkeit
  • ihre Komplexität
  • ihre gesellschaftliche Stellung
  • ihr Recht auf differenzierte psychologische Betrachtung

Der Missbrauchsfall wird zur Bühne,
und Menschen mit dieser Diagnose werden zu Requisiten eines True-Crime-Dramas erklärt.

Die Diagnose taucht in den Artikeln nicht als medizinische Kategorie auf, sondern als moralische. Der Satz „Borderlinepatienten gelten als manipulativ“ ist kulturelles Erbe. Die Erzählung funktioniert, weil die Diagnose längst in gesellschaftlichen Schubladen abgelegt wurde: unzuverlässig, hysterisch, unberechenbar. Gerade bei Frauen wird dieses Bild weitervererbt wie ein genetischer Defekt der Wahrnehmung.

Für die Medien hat das einen Vorteil:
Borderline ist das perfekte dramaturgische Werkzeug. Eine Diagnose, die sich so weit verzerren lässt, dass sie jede Komplexität aus dem Menschen saugt und ihn auf ein Symptom reduziert. Eine Art klinisch etikettierte Grausamkeit. Damit lässt sich der Satz erzeugen: „Na ja, mit so einer konnte ja niemand rechnen.“
Das ist Exorzismus mit ICD-10-Vokabeln.

BPS vs DIS

Die paradoxe Pointe ist, dass ausgerechnet jene Aufklärer:innen, die die Verschwörungserzählung „Rituelle Gewalt – Mind Control“ kritisieren und den inflationären Missbrauch der Diagnose „Dissoziative Identitätsstörung“ anprangern, durch ihre eigene Stigmatisierung von Borderline dazu beitragen, dass die DIS kulturell noch attraktiver wird. Die Dynamik ist simpel: Menschen mit einer Borderline-Diagnose tragen das gesellschaftliche Stigma der Unzuverlässigkeit, der Manipulation, der moralischen Defizienz. In vielen traumatherapeutischen Milieus ist die DIS dagegen längst ein Prestige-Label – kombiniert mit ritueller Gewalt wird sie zum kulturellen Kapital. Wer das Stigma verstärkt, verstärkt damit auch den diagnostischen Sog.

BorderlineDissoziative Identitätsstörung
sperrig und schambesetztnarrativ reich
ohne sakrale Erzählungsozial belohnt
sozial sanktioniertmedienkompatibel
ohne Glamourtherapeutisch verwertbar
ohne Opferbonuskultisch überhöht

Natürlich wählen Menschen das Label, das sie schützt, nicht das, das sie beschädigt.

Forschung zeigt, dass Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsmerkmalen vermehrt Dissoziation und Erinnerungstrübungen aufweisen, und dass bei DIS eine hohe Komorbidität mit Borderline besteht. Daraus lässt sich plausibel ableiten, dass gerade in traumatherapeutischen Settings das Risiko besteht, dass Suggestion, Diagnostik und narrative Dynamiken zusammenwirken. Identitätsdiffusion, Bindungsunsicherheit und der Wunsch nach stabiler Selbstzuschreibung machen sie zu idealen Zielscheiben für Therapien, die mehr Mythologie als Psychologie produzieren.
Doch entscheidend ist etwas anderes: Was erwarten wir von schwer kranken Menschen, deren Weg zurück in die Realität durch gesellschaftliche Stigmata systematisch verbaut wird? Wenn die reale Diagnose soziale Abwertung bedeutet und die phantasierte Diagnose kulturelles Kapital, dann ist nicht das Individuum das Problem – sondern die Struktur, die diese Wahl erzwingt.

Systemversagen 100%

Doch zurück zum System. Zurück zur Ersatzmutter-Industrie: Therapeut:innen, Anwält:innen, Staatsanwält:innen im Rettermodus. Niemand in dieser Geschichte war „nur Opfer von Josephines Lügen“. Wer sich „täuschen ließ“, folgte einem eigenen psychopolitischen Bedürfnis.

– Ein Psychiater, der die Borderline-Diagnose abräumt, weil das heroische Trauma die attraktivere Erzählung ist.
– Eine Anwältin, die „liebstes Josephinchen“ schreibt, weil sie die Nähe braucht, die ihr Beruf ihr verbietet.
– Eine Staatsanwältin, die Postkartenromantik pflegt und sich auf einem gemeinsamen Weg „ans Meer“ imaginiert.
– Aussagepsychologen, die denselben Fall in entgegengesetzte Richtungen biegen, je nachdem, welche institutionelle Windrichtung gerade moralisch opportun ist.

Das ist professionelle Entgrenzung im Dienst der eigenen Selbstinszenierung. Eine Justiz, die sich als Helferin begreift, wird blind. Eine Psychiatrie, die sich als Retterin begreift, wird manipulierbar. Eine Anwältin, die „Mama“ genannt werden will, verliert ihren Beruf an die Rolle, die sie begehrt.

Josephine hat sie nicht verführt.
Sie hat ihnen geliefert, was sie suchten.

Das nennt man nicht Täuschung.
Das nennt man Komplizenschaft.

Verantwortung

Josephine ist verantwortlich für ihre Taten. Ja.
Aber sie ist nicht verantwortlich für das institutionelle Versagen, das ihre Lügen zu Verurteilungen machte. Sie ist nicht verantwortlich für den psychologischen Narzissmus professioneller Helfer. Nicht für eine Justiz, die an die Geschichte glaubte, die ihr eigenes Selbstbild rettete.

Der wahre Skandal ist nicht Josephine – es ist die Architektur, die sie brauchte
Wenn man ein Mädchen zur monströsen Ausnahme stilisiert, hat man einen klaren Vorteil:
Man muss nichts ändern.
Die Justiz kann weitermachen.
Die Psychiatrie kann weitermachen.
Die Gutachter können weitermachen.
Die Medien können weitermachen.
Und der nächste Fall wird wieder ein Monster haben.
Was fehlt, ist nicht die moralische Verurteilung der Josephine R.

Was fehlt, ist die strukturelle Verurteilung eines Systems, das sich selbst für zu gut hält, um Fehler zu machen – und deshalb immer wieder dieselben produziert.
Das Monster schützt die Institution.
Und das ist der wahre Horror.

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Zum Weiterlesen: (hier geht es einzig um das Systemversagen)

2 Gedanken zu „Strukturelles Versagen im Fall Josephine R.“

    • Interessant. Um zu zitieren:

      Man könnte über Leuschners Einschätzung hinausgehen und fragen: Lernt die Justiz aus vergangenen Fehlern überhaupt? Irren ist menschlich. Doch es gibt seit langem vorhandene Standards – und die werden immer wieder ignoriert. Fehlurteile werden weder erfasst noch aufgearbeitet. Interessiert man sich nicht ausreichend für die Schicksale der Justizopfer, um etwas zu ändern?

      Genau das ist der Punkt.
      Ich befürchte, dass sich auch hier im „Fall Josephine R.“ nicht wirklich was bewegen wird.
      Es sind tatsächlich immer dieselben Abläufe und Mechanismen.

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