Sprachliche Gewalt ist Unfug?

Diesen Artikel wollte ich ursprünglich bereits im Jahr 2023 schreiben. Damals sah ich die Videovorschau und blieb an einer Aussage hängen. Doch wie so oft kam das Leben dazwischen, und das Vorhaben geriet in den Hintergrund. Erst jetzt habe ich die Zeit und Ruhe gefunden, dies nachzuholen.

„Sprachliche Gewalt ist Unfug“, so heißt es in dem Video mit dem Titel: „Was in den Debatten um Rassismus, Trans & Co. schiefläuft | Seb von Vorpolitisch im Interview“

Das ist eine bemerkenswerte Aussage. Nicht deshalb, weil man über den Gewaltbegriff nicht streiten dürfte. Sondern weil die Frage, ob Gewalt ausschließlich körperlich oder auch psychisch, strukturell oder sprachlich sein kann, seit Jahrzehnten Gegenstand wissenschaftlicher Forschung ist. Wer „sprachliche Gewalt“ pauschal als Unfug bezeichnet, widerspricht damit nicht nur einzelnen Autoren, sondern einer breiten wissenschaftlichen Diskussion.

Doch worum geht es in dem oben verlinkten Video überhaupt?

In dem rund zwanzigminütigen Gespräch sprechen der Host und sein Gast SEB, der den Podcast Vorpolitisch betreibt, über politische Debattenkultur und den Umgang mit Sprache. Thematisiert werden unter anderem unterschiedliche Begriffsverständnisse von Rassismus und Geschlecht, Identitätspolitik, Framing sowie die Frage, wie gesellschaftliche Konflikte sachlicher geführt werden könnten. Im weiteren Verlauf des Gesprächs wenden sich beide dem Gewaltbegriff zu. Dabei vertritt SEB die Auffassung, Gewalt sei grundsätzlich etwas Physisches, und bezeichnet den Begriff der „sprachlichen Gewalt“ als „Unfug“. Genau auf diese Aussage möchte ich im Folgenden eingehen.

Warum schreibe ich diesen Artikel?

Mir geht es dabei nicht um eine theoretische Debatte über Begriffe – und auch nicht um die Trans-Debatte. Mir geht es um die Menschen, die unter verbaler und emotionaler Gewalt leiden – insbesondere um Kinder.

Worte können verletzen. Sie können Angst erzeugen, Selbstwert zerstören und Menschen über Jahre hinweg prägen. Gerade Kinder besitzen oft keine Möglichkeit, sich solchen Angriffen zu entziehen. Wer erlebt hat, wie ein Kind unter ständiger Erniedrigung, Demütigung oder Einschüchterung zerbricht, wird verstehen, warum viele Fachdisziplinen hierfür den Begriff Gewalt verwenden.

Deshalb halte ich die pauschale Aussage „sprachliche Gewalt ist Unfug“ für problematisch.

Wenn Kinder durch eine wiederholte gewaltvolle(!) Einflussnahme – etwa in Form von Beschämung, Demütigung oder Erniedrigung – seelisch zerbrechen, erscheint es mir durchaus angemessen, von Gewalt zu sprechen. Nicht als begriffliche Übertreibung, sondern weil die Folgen tiefgreifend und oft lebenslang sein können.


Bemerkenswert fand ich übrigens, dass SEB im Verlauf des Gesprächs hohe Ansprüche an eine konstruktive Debattenkultur formuliert. Umso mehr überrascht mich, dass er ausgerechnet beim Gewaltbegriff selbst eine Formulierung wählt, die diesen Ansprüchen nur schwer gerecht wird.

  • Begriffe sollten präzise verwendet werden.
  • Menschen verwendeten häufig dieselben Begriffe mit unterschiedlichen Bedeutungen.
  • Man solle dem Gegenüber keine bösen Absichten unterstellen.
  • Man solle wohlwollend interpretieren.
  • Man solle Debatten nicht unnötig eskalieren.
  • Man solle Diskurs ermöglichen statt beenden.

Gerade deshalb irritiert mich die Aussage „sprachliche Gewalt ist Unfug“. Denn sie setzt sich nicht mit einem anderen Gewaltverständnis auseinander, sondern erklärt es kurzerhand für Unsinn. Damit geschieht genau das, wovor SEB an anderer Stelle selbst warnt: Eine bestehende Position wird nicht zunächst in ihrem eigenen Verständnis betrachtet, sondern pauschal verworfen.

SEB sagt am Anfang sinngemäß:
„Menschen streiten häufig, weil sie denselben Begriff unterschiedlich verwenden.“
Wenn das seine Ausgangsthese ist, dann wäre die logische Konsequenz beim Gewaltbegriff eigentlich:
„Offenbar verwenden wir unterschiedliche Gewaltbegriffe.“
Stattdessen lautet seine Schlussfolgerung:
„Sprachliche Gewalt ist Unfug.“

Genau darin sehe ich die Inkonsistenz. Er erkennt an, dass Begriffe unterschiedlich verwendet werden können – außer an der Stelle, an der er selbst eine feste Position vertritt.


Vielleicht lohnt es sich auch, den Blick für einen Moment von der Theorie auf die Betroffenen zu richten. Auf Menschen, die nie geschlagen wurden und dennoch ein Leben lang unter den Folgen ihrer Kindheit oder einer gewaltvollen Partnerschaft leiden. Menschen, deren Selbstwert systematisch zerstört wurde – nicht durch Fäuste, sondern durch Worte. Für sie ist die Frage, ob sprachliche Gewalt existiert, keine akademische Diskussion. Sie betrifft ihr eigenes Leben.

Gerade deshalb wünsche ich mir, dass wir mit solchen Aussagen vorsichtig umgehen – nicht, weil Begriffe nicht hinterfragt werden dürften, sondern weil sie auch ausdrücken, ob wir das Erleben Betroffener ernst nehmen.

Zum Weiterlesen ein Text von mir- erarbeitet am 04.02.2026 für ein externes Projekt


Weiterführende Literatur zum Gewaltbegriff

Die Frage, ob Gewalt ausschließlich körperlich oder auch psychische, strukturelle, symbolische oder sprachliche Formen umfasst, wird seit Jahrzehnten in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen diskutiert. Die folgenden Werke stellen lediglich eine kleine Auswahl dar.

Grundlagen des erweiterten Gewaltbegriffs

Johan Galtung (1969)
Violence, Peace, and Peace Research.
Journal of Peace Research, 6(3), 167–191.
→ Der Klassiker, der den Begriff der strukturellen Gewalt geprägt hat.

Pierre Bourdieu (1998)
Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns.
bzw.
Die männliche Herrschaft (1997/2005 deutsch)
→ Einführung des Begriffs symbolische Gewalt.

Wilfried Gottschalch
Männlichkeit und Gewalt.
→ Psychoanalytisch, historisch und soziologisch

Traumaforschung

Bessel van der Kolk (2014)
The Body Keeps the Score.
(deutsch: Verkörperter Schrecken)
→ Zeigt eindrucksvoll, dass schwere Traumatisierungen keineswegs nur durch körperliche Gewalt entstehen.

Psychische Gewalt

Marie-France Hirigoyen (1998)
Die Masken der Niedertracht.
→ Eines der bekanntesten Werke über psychische Gewalt in Beziehungen.

Gewalt in der WHO

  • World Health Organization (WHO) (2002)
  • World Report on Violence and Health.

Die WHO beschreibt Gewalt ausdrücklich nicht ausschließlich als körperliche Gewalt, sondern bezieht auch psychische Schädigungen mit ein.

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