| Anlass für diesen Beitrag waren mehrere aktuelle Auseinandersetzungen mit dem Thema Hochsensibilität: ein Instagram-Beitrag von Quarks (Fehlinformation), eine Folge der Science Cops (Aufklärung) sowie eine Besprechung der YouTuber Sinan und Biased Skeptic (Untermauerung der Aufklärung). Dabei rückte für mich vor allem eine Frage wieder in den Mittelpunkt: Was meinen wir eigentlich, wenn wir heute von „Hochsensibilität“ oder „HSP“ sprechen – und wie ist dieses Konstrukt entstanden? Gerade die gegenwärtige Diskussion hat mich deshalb nicht dazu bewogen, beim heutigen Forschungsstand anzusetzen, sondern im Gegenteil: noch einmal ganz an den Anfang zurückzugehen. Denn vieles, was heute unter dem Begriff Hochsensibilität diskutiert, bestätigt oder kritisiert wird, lässt außer Acht, wie der Begriff ursprünglich entwickelt, inhaltlich ausgestaltet und schließlich popularisiert wurde. Wer beurteilen möchte, was von dem heutigen Konzept zu halten ist, sollte deshalb zunächst nachvollziehen, wie es überhaupt zu dem Konzept geworden ist, das wir heute kennen. |
Reifizierung eines psychologischen Konstrukts
Der Instagram-Beitrag von Quarks ist beinahe eine kleine Demonstration dafür, wie Reifizierung funktioniert: Aus einem theoretischen Konstrukt wird sprachlich nach und nach etwas, das wie eine objektiv vorhandene Personengruppe erscheint.
Besonders problematisch finde ich die Formulierung „Messungen bestätigen“. Das ist sprachlich kein vorsichtiger Hinweis auf eine heterogene Forschungslage. „Bestätigen“ bedeutet für Leser praktisch: Das wurde objektiv gemessen und ist nachgewiesen. Genau diese Behauptung ist aber gerade strittig.
Auch „Psycholog:innen unterteilen uns in drei Gruppen“ ist erstaunlich apodiktisch formuliert. Es klingt, als handele es sich um eine etablierte psychologische Taxonomie. Tatsächlich müsste man zunächst fragen: Wer genau teilt so ein? Aufgrund welcher Skala und welcher statistischen Verfahren? Und rechtfertigen die Ergebnisse tatsächlich die Rede von drei unterschiedlichen „Typen“? Der nachfolgende Satz „Jeden Typen gibt es ungefähr gleich häufig“ verstärkt noch den Eindruck, als seien drei klar voneinander abgrenzbare Menschentypen entdeckt worden.
Um den Quarks-Beitrag und die wissenschaftliche Kritik daran näher einzuordnen, empfehle ich durchaus, bei den YouTubern Sinan und Biased Skeptic sowie den Science Cops reinzuhören. Ich möchte an dieser Stelle jedoch einen anderen Weg einschlagen und weiter zurückgehen: an den Anfang der Popularisierung von Hochsensibilität und zu der Frage, welches Menschenbild mit dem neuen Begriff verbreitet wurde.
Ich werde in diesem Artikel aufzeigen, dass die Popularisierung von Hochsensibilität von Anfang an nicht nur wissenschaftliche Aussagen über Sensitivität transportierte. Sie transportierte zugleich ein Identitäts- und Entlastungsnarrativ: Was bislang als Schwäche erschien, ist keine Schwäche. Es ist die Kehrseite einer besonderen, angeborenen Gabe, die von einer auf Härte und Leistung ausgerichteten Gesellschaft missverstanden wird.
Elaine Aron und die „Highly Sensitive Person“
Wer verstehen möchte, was mit „Hochsensibilität“ ursprünglich gemeint war, sollte nicht bei der heutigen Forschung beginnen. Man sollte zunächst dorthin zurückgehen, wo das Konzept seine populäre Gestalt bekam.
Die US-amerikanische Psychologin Elaine N. Aron prägte in den 1990er-Jahren die Bezeichnung „Highly Sensitive Person“ (HSP). Gemeinsam mit Arthur Aron veröffentlichte sie 1997 die wissenschaftliche Arbeit „Sensory-Processing Sensitivity and Its Relation to Introversion and Emotionality“. Noch wesentlich größer dürfte die öffentliche Wirkung jedoch von ihren Büchern ausgegangen sein. „The Highly Sensitive Person“ entwickelte sich zum Bestseller; weitere Bücher und ein Arbeitsbuch folgten.
Wie Aron selbst Hochsensibilität um die Jahrtausendwende vermittelte, lässt sich heute noch anhand archivierter Fassungen ihrer damaligen Internetseite nachvollziehen. Eine Version aus dem Jahr 2000 ist dabei besonders aufschlussreich. Denn dort begegnet uns nicht lediglich die vorsichtige Beschreibung eines möglicherweise existierenden Persönlichkeitsmerkmals. Aron spricht ihre Leser unmittelbar als Gruppe an: „Liebe hochsensible Person (HSP)“
Bereits unmittelbar danach fordert sie die Besucher auf, zunächst ihren Selbsttest zu machen. Dieser, schreibt Aron, beschreibe das Persönlichkeitsmerkmal „in gewisser Weise besser als alles andere“.
Wer sich in dem Test bzw. dem Ergebnis wiedererkannte, bekam von Aron nicht lediglich eine Bezeichnung für diese Erfahrungen angeboten. Er bekam zugleich eine Erklärung.
Hochsensibilität sei normal und angeboren. 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung hätten diese Eigenschaft geerbt. Das Nervensystem hochsensibler Menschen sei „feinfühliger für Nuancen“. Dabei müssten Seh-, Hör- oder Geruchssinn gar nicht besser ausgeprägt sein. Entscheidend sei vielmehr, dass das Gehirn Informationen intensiver verarbeite und tiefergehend reflektiere.
Damit war zugleich eine Erklärung für Überforderung gegeben: Hochsensibel zu sein bedeute, so Aron, „zwangsläufig“, leichter überstimuliert, gestresst und überfordert zu werden.
Genau an dieser Stelle wird das frühe HSP-Konzept für mich besonders interessant. Denn Aron beschrieb nicht lediglich Eigenschaften. Sie bot ihren Lesern eine Neubewertung bereits bekannter Eigenschaften und Schwierigkeiten an.
- Schüchternheit? Nicht das eigentliche Merkmal.
- Introversion? Ebenfalls nicht – schließlich seien 30 Prozent der Hochsensiblen extrovertiert.
- Gehemmtheit oder Ängstlichkeit? Auch diese könnten bei hochsensiblen Menschen vorkommen, seien jedoch nicht die grundlegende Ursache.
Die eigentliche Erklärung liege, so Aron, in einer angeborenen Persönlichkeitseigenschaft und einem Nervensystem, das Informationen intensiver und tiefgehender verarbeite. Damit ließ sich auch Überforderung neu deuten: Wer schneller erschöpft oder überstimuliert war, war nicht weniger belastbar – die Belastung erschien vielmehr als Folge einer besonderen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweise.
Zugleich erklärte Aron die negative Bewertung von Sensibilität gesellschaftlich. Unsere Kultur bevorzuge Härte und Offenheit; Hochsensibilität werde deshalb unterschätzt und sei auch von der Forschung vernachlässigt worden. Viele Betroffene hätten vermutlich schon den Satz gehört: „Sei nicht so empfindlich.“ Sie hätten sich dadurch unnormal gefühlt, obwohl mit ihnen, so Aron, überhaupt nichts unnormal sei.
Besonders aufschlussreich ist, wie Aron den Zweck ihres Arbeitsbuches beschrieb: Hochsensible benötigten Zeit, um ihre Vergangenheit neu zu bewerten, ihr Selbstverständnis zu verändern und ihr Leben auf Grundlage eines tieferen Verständnisses ihres Nervensystems neu zu planen. Damit bot das Konzept weit mehr als die Beschreibung eines Persönlichkeitsmerkmals. Es ermöglichte eine biografische Neuinterpretation: Frühere Überforderung, Rückzug oder das Gefühl, „zu empfindlich“ zu sein, konnten nun als Ausdruck einer besonderen angeborenen Veranlagung verstanden werden.
Aus „Mit mir stimmt etwas nicht“ konnte werden: Mit mir stimmt sehr wohl etwas. Ich besitze lediglich ein Nervensystem, das anders – intensiver und tiefer – verarbeitet.
Genau dieses Narrativ ist wichtig für das, was anschließend geschah. Denn als das Konzept wenige Jahre später im deutschsprachigen Raum Verbreitung fand, begegnen uns erstaunlich ähnliche Formulierungen wieder: das empfindlichere Nervensystem, die tiefere Verarbeitung, die frühere Überstimulation, die Abgrenzung gegenüber vermeintlich geringerer Belastbarkeit – und schließlich die Vorstellung, dass das, was gesellschaftlich als Schwäche gilt, in Wahrheit auch eine besondere Fähigkeit oder sogar eine „Gabe“ sein könne.
Der Boom und Markt im deutschsprachigen Raum
Unmittelbar nach der Jahrtausendwende gründeten Georg Parlow und Ingrid Peternell-Eder den Verein „Zart besaitet – Gesellschaft zur Förderung und Pflege der Belange hochempfindlicher Menschen“. In diesem Zusammenhang entstand 2003 die Webseite zartbesaitet.net. Zu diesem Zeitpunkt war Parlows Buch „Zart besaitet“ bereits geschrieben und stand kurz vor der Veröffentlichung. Es sollte sich zu einem Bestseller entwickeln. Parlow hielt zudem bereits Vorträge zum Thema Hochsensibilität.
Das ist für die weitere Entwicklung nicht unwesentlich. Denn Hochsensibilität wurde auch im deutschsprachigen Raum nicht ausschließlich als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung verbreitet. Um das Konzept entstand früh ein Angebot aus Büchern, Vorträgen, Beratung und später zahlreichen weiteren Dienstleistungen.
Parlow brachte dafür Erfahrungen aus verschiedenen Bereichen der Beratung, Selbsterfahrung und alternativ ausgerichteten Verfahren mit. Auf seiner eigenen Webseite bezeichnet er sich unter anderem als „Energethiker, Coach und Berater“ und nennt Ausbildungen zum „Gruppentherapeuten der humanistischen Psychologie“, zum „Einzeltherapeuten in Mind Clearing“ sowie zum „Peak States™-Therapeuten“. Was insbesondere die beiden erstgenannten Qualifikationen konkret umfassten und welchen formalen Status sie hatten, lässt sich anhand dieser Angaben allein nicht bestimmen. „Mind Clearing“ gehört jedenfalls nicht zu den etablierten wissenschaftlichen Psychotherapieverfahren.
Interessanter als die Person Parlow ist für meine Betrachtung jedoch das Geschäftsmodell, das sich rund um Hochsensibilität entwickeln konnte. Denn mit der Verbreitung des Begriffs entstand zugleich eine neue Zielgruppe: Menschen, die sich selbst als hochsensibel erkannten und nach Informationen, Austausch, Büchern, Vorträgen oder Beratung suchten.
An diesem Punkt wird auch der damalige Selbsttest interessant. Die deutschsprachige Fassung umfasste 59 Fragen und damit erheblich mehr als Arons ursprüngliche 27 Items. Inhaltlich deckte sie ein außerordentlich breites Spektrum menschlicher Erfahrungen und Eigenschaften ab. Je weiter jedoch die Grenzen eines solchen Konstrukts gezogen werden, desto mehr Menschen können sich darin wiedererkennen.
Das allein beweist selbstverständlich keine kommerzielle Absicht bei der Gestaltung des Tests. Es erzeugt aber einen Zusammenhang, den man bei der Geschichte der Popularisierung nicht ausblenden sollte: Selbsttest, Identifikation und kommerzielle Angebote existierten nicht unabhängig voneinander. Wer sich durch einen solchen Test erstmals als „hochsensibel“ verstand, fand zugleich einen wachsenden Markt vor, der genau für diese neu bezeichnete Eigenschaft Bücher, Vorträge, Beratung und weitere Hilfestellungen anbot.
Der HSP-Selbsttest (59 Fragen)
Schon die Seite (siehe auch die oberen Galeriebilder) selbst ist bemerkenswert. Dort steht ausdrücklich:
→ „Für die Auswertung des Tests sind bis jetzt nur 27 Fragen relevant.“ Welche Fragen gemeint sind, bleibt offen.
Und anschließend:
→ „Vorauszuschicken ist, dass der Test und die gesamte Forschung über hochempfindliche Menschen (HSP) noch in den Kinderschuhen stecken […]“
Das ist eine Momentaufnahme vom 9. März 2005 aus dem Web Archive. Wir sehen also nicht die heutige, nach Jahrzehnten wissenschaftlicher Nachbearbeitung entstandene SPS-Literatur, sondern ziemlich unmittelbar, wie das Konzept damals im deutschsprachigen HSP-Milieu operationalisiert wurde.
Und die Items sind wirklich bemerkenswert heterogen.
Da steht Sensorisches neben Beziehungserleben, Persönlichkeit, Ängsten, Lebenszufriedenheit und medizinischen Problemen.
Nimmt man dann auch noch die Arzneimittel dazu, dann haben wir plötzlich mindestens sensorische Reaktivität: Schmerz, Stressreaktivität, Emotionalität, Ängstlichkeit, Beziehungserleben, soziale Unsicherheit, Gewissenhaftigkeit, ästhetisches Erleben, Lebenszufriedenheit, Kindheitserfahrungen, Familienmerkmale und Pharmakologie in demselben Erhebungsinstrument.
Die einzelnen Erfahrungen können zweifellos real sein. Ihre Ursachen sind jedoch keineswegs eindeutig. Erhöhte Schreckhaftigkeit kann beispielsweise im Rahmen einer Angst- oder Traumafolgestörung auftreten. Schwierigkeiten mit Veränderungen, Reizüberlastung oder gleichzeitig gestellten Anforderungen können bei Autismus vorkommen. Probleme mit der Organisation mehrerer Anforderungen finden sich auch bei ADHS. Rückzug und verminderte Belastbarkeit können mit Depressionen oder chronischen Erkrankungen zusammenhängen. Ängste vor Zurückweisung oder Verlassenwerden wiederum gehören in einen ganz anderen psychologischen Bereich.
Damit ist nicht gesagt, dass Menschen mit diesen Merkmalen zwangsläufig bei diesem HSP-Test hohe Werte erzielten. Dafür wären entsprechende Daten erforderlich. Das methodische Problem liegt an anderer Stelle: Zahlreiche Fragen sind nicht spezifisch genug, um zwischen sehr unterschiedlichen möglichen Ursachen unterscheiden zu können.
Von der Eigenschaft zur Erklärung
Genau hier entsteht ein Problem, das bei Selbsttests leicht übersehen wird.
Wenn sehr unterschiedliche Erfahrungen zunächst als mögliche Erscheinungsformen von Hochsensibilität definiert werden, anschließend genau diese Erfahrungen in einem Hochsensibilitäts-Test abgefragt werden und eine hohe Zustimmung schließlich als Hinweis auf Hochsensibilität interpretiert wird, droht ein Zirkelschluss:
Hochsensibilität zeigt sich an bestimmten Eigenschaften – und dass diese Eigenschaften Ausdruck von Hochsensibilität sind, zeigt der Test, der nach diesen Eigenschaften fragt.
Damit ist noch nicht geklärt, ob hinter ihnen tatsächlich ein eigenständiges gemeinsames Merkmal steckt.
Psychologisch interessant wäre deshalb nicht nur die Frage, ob die einzelnen Testfragen miteinander zusammenhängen. Entscheidend wäre ebenso die diskriminante Validität: Lässt sich das postulierte Merkmal zuverlässig von bereits bekannten Konstrukten wie Ängstlichkeit, Neurotizismus, Introversion, Stressreaktivität oder sensorischer Überreaktivität unterscheiden?
Und noch weitergehend müsste gefragt werden, ob „Hochsensibilität“ zusätzliche Erklärungskraft besitzt, nachdem solche bekannten Merkmale berücksichtigt wurden. In der Psychometrie spricht man dabei von inkrementeller Validität.
Ein Test kann durchaus zuverlässig etwas messen, ohne dass damit bereits bewiesen wäre, dass dieses „Etwas“ eine eigenständige psychologische Eigenschaft darstellt.
Besonders bemerkenswert sind die medizinischen Fragen. Damit verlässt der Test den Bereich von Persönlichkeit und Wahrnehmung nahezu vollständig.
Gefragt wird beispielsweise:
→ „Ich habe das Gefühl, auf die Einnahme/Anwendung von Arzneimitteln besonders empfindlich zu reagieren.“
→ „Ich musste die Einnahme eines Arzneimittels wegen zu starker Wirkung oder Nebenwirkungen abbrechen oder die Dosierung reduzieren.“
→ „Ich nehme eine geringere Arzneimitteldosis ein, als mir der Arzt verschrieben hat […] damit die Wirkung nicht zu stark ist.“
Danach folgen Fragen nach Arzneimittelallergien, Unverträglichkeiten und Medikamentengruppen, bei denen Nebenwirkungen oder Dosierung als besonders problematisch erlebt wurden.
Eine besondere Arzneimittelwirkung kann zahlreiche pharmakologische und medizinische Ursachen haben. Sie ist zunächst kein Nachweis einer allgemeinen psychologischen Eigenschaft „Hochsensibilität“.
Gerade diese Fragen zeigen deshalb besonders deutlich, wie weit die Grenzen des damaligen Konstrukts gezogen wurden: Wahrnehmung, Emotionalität, Partnerschaft, Ängste, Kindheit, Beruf, Lebenszufriedenheit und sogar Medikamentenverträglichkeit konnten unter demselben begrifflichen Dach erfasst werden.
Für die historische Betrachtung bleibt der Test außerordentlich aufschlussreich. Denn er dokumentiert, welche Bereiche menschlichen Erlebens im Umfeld der frühen deutschsprachigen Hochsensibilitätsbewegung überhaupt als untersuchungswürdig im Zusammenhang mit HSP angesehen wurden.
Und diese Spannweite war enorm.
Was bleibt von der „hochsensiblen Person“?
Die Geschichte der Hochsensibilität zeigt ein bemerkenswertes Phänomen. Ausgangspunkt war die Hypothese einer erhöhten Sensitivität. Daraus entstand jedoch sehr schnell weit mehr: die Vorstellung eines bestimmten Menschentyps mit einem empfindlicheren Nervensystem, tieferer Informationsverarbeitung, stärkerem emotionalen Erleben, schnellerer Überstimulation und einer ganzen Reihe weiterer Eigenschaften.
Entscheidend ist dabei die Richtung der Erklärung. Nicht einzelne Phänomene wurden zunächst unabhängig untersucht und anschließend auf eine gemeinsame Ursache zurückgeführt. Vielmehr stand die „hochsensible Person“ sehr früh als Erklärungsrahmen bereit. Wer sich in den Beschreibungen wiedererkannte, bekam damit zugleich eine Erklärung für sehr unterschiedliche Erfahrungen angeboten.
Genau darin lag vermutlich ein wesentlicher Teil der enormen Attraktivität des Konzeptes. Es erklärte nicht nur Reizempfindlichkeit. Es konnte Schüchternheit erklären, Rückzug, Erschöpfung, Ängstlichkeit, Schwierigkeiten in Beziehungen, berufliche Überforderung, intensive Gefühle, besondere Gewissenhaftigkeit, ästhetische Empfindsamkeit und schließlich sogar ungewöhnliche Reaktionen auf Medikamente.
Und vor allem: Es wertete diese Erfahrungen neu.
Wer sich zuvor für zu empfindlich, zu wenig belastbar oder den Anforderungen des Alltags nicht gewachsen hielt, bekam eine vollkommen andere Geschichte über sich selbst angeboten. Vielleicht war man gar nicht schwach. Vielleicht nahm man einfach mehr wahr. Verarbeitete tiefer. Fühlte intensiver. Und vielleicht war nicht mit einem selbst etwas verkehrt, sondern mit einer Gesellschaft, die gerade diese besondere Veranlagung nicht zu würdigen wusste.
Das ist ein außerordentlich attraktives Narrativ. Aber die Attraktivität einer Erklärung ist kein Beleg für ihre wissenschaftliche Gültigkeit.
Genau hier liegt für mich das Problem der heutigen Debatte. Mehr als zwei Jahrzehnte später wird häufig über Skalen, Faktoren, Sensitivitätsgruppen und neuere Studien gesprochen. Das ist legitim und wissenschaftlich notwendig. Dabei gerät jedoch leicht aus dem Blick, was eigentlich untersucht wird und wie das populäre Bild entstanden ist, das heute mit dem Wort „Hochsensibilität“ verbunden wird.
Denn ein psychometrischer Befund darüber, dass sich Menschen hinsichtlich ihrer Sensitivität unterscheiden, bestätigt nicht rückwirkend all das, was seit den 1990er- und frühen 2000er-Jahren unter dem Etikett der „hochsensiblen Person“ versammelt wurde. Er bestätigt weder automatisch ein besonderes Nervensystem noch einen klar abgrenzbaren Menschentyp – und schon gar nicht das gesamte Bündel an Eigenschaften, Fähigkeiten, Schwierigkeiten und biografischen Erfahrungen, das diesem Typ im Laufe der Jahre zugeschrieben wurde.
Genau deshalb halte ich Formulierungen wie „Messungen bestätigen“ (siehe Quarks-Instagram-Beitrag) oder „Psycholog:innen unterteilen uns in drei Gruppen“ für problematisch. Sie überspringen einen entscheidenden Schritt: die Frage, was diese Messungen tatsächlich bestätigen.
Dass Menschen unterschiedlich empfindlich auf Reize, Stress oder Umweltbedingungen reagieren? Sicher.
Dass sich solche Unterschiede psychometrisch erfassen lassen? Ebenfalls.
Aber daraus folgt noch nicht, dass die „hochsensible Person“, wie sie seit Elaine Aron beschrieben, durch Selbsttests identifiziert, durch Bestseller popularisiert und später durch einen ganzen Beratungs- und Coachingmarkt weiter ausgestaltet wurde, damit als wissenschaftlich bestätigte Personenkategorie feststeht.
Vielleicht besteht der wichtigste Unterschied deshalb gar nicht zwischen „hochsensiblen“, „mittelsensiblen“ und „wenigsensiblen“ Menschen.
Vielleicht besteht er zunächst zwischen einem messbaren Unterschied menschlicher Sensitivität und der Geschichte, die wir um diesen Unterschied herum gebaut haben.
Und genau diese beiden Dinge sollten wir nicht miteinander verwechseln.




Ich teile deine Einschätzung, insbesondere was die Differentialdiagnostik betrifft. Es gibt viele andere Möglichkeiten für die genannten Symptome.
Vor Jahren war ich wegen Orientierungslosigkeit auf das Thema gestoßen und weil es mir schwer fällt dauerhaft bei einem Thema zu bleiben. Damals las ich von Anne Heintze das Buch „Außergewöhnlich Normal“. Anne Heintze ist heute noch in dem Bereich Hochsensibilität unterwegs und verdient vermutlich gutes Geld damit.
Es gab eine gewisse Selbstentlastung sich mit dem Thema zu beschäftigen und auch mal sagen zu können, dass man selbst normal ist und einfach die Welt um einen herum nicht passend ausgerichtet ist. Gelöst hat es meine Probleme allerdings nicht.
Heute betrachte ich mich als einen schwer einzuordnenden Grenzgänger. Bindungsstörung mit Vermeidungsverhalten, kaum ausgeprägte intrinsische Motivation, 3 Punkte beim DIVA 2.0.
Selbst bei evaluierten Verfahren sehe ich immer noch ein hohes Potential von Fehleinordnungen. Angststörungen können mangelnde Empathie hervorrufen und blind für Gefühle anderer machen. Schnell kommt man damit in Bereiche von ADHS und Autismus – was ja aktuell auch schwer in Mode ist. Ebenso geht es dann um Themen wie Narzissmus, wenn jemanden „Empathielosigkeit“ unterstellt wird.
Manchmal glaube ich wir haben einfach keine Ahnung und raten uns zum größten Teil durchs Leben, wobei in meinen Augen die meisten Menschen sowieso der Ansicht sind in allem Experten zu sein.
Viele Grüße!