Wer erklärt Wissenschaft

Welche Verantwortung trägt wissenschaftliche Kommunikation?

Ich möchte gleich mit der Tür ins Haus fallen: Dieser Beitrag richtet sich an Skeptikervereine.

Es geht mir jedoch nicht darum, Menschen oder Vereine zu diskreditieren – ganz im Gegenteil. Meine Kritik richtet sich gleichermaßen an Vereine, denen ich kritisch gegenüberstehe, wie auch an solche, die ich schätze. Gerade weil mir wissenschaftliche Aufklärung wichtig ist, möchte ich ein Thema zur Diskussion stellen, das mich seit längerer Zeit beschäftigt.

Ein Verein, der sich wissenschaftliche Glaubwürdigkeit erarbeitet hat, trägt eine besondere Verantwortung. Er sollte deshalb besonders sorgfältig und transparent zwischen gesicherten Erkenntnissen, wissenschaftlicher Interpretation und persönlicher Bewertung unterscheiden.

Genau deshalb stellt sich für mich eine grundsätzliche Frage: Warum setzen Vereine mit wissenschaftlichem Selbstverständnis bei hochkomplexen Themen nicht häufiger, wenn nicht sogar grundsätzlich, auf eine interdisziplinäre Besetzung oder machen zumindest transparent, aus welcher fachlichen Perspektive ein Vortrag oder Artikel erfolgt?

Wenn sich ein Verein mit wissenschaftlicher Expertise schmückt – mit Professoren, promovierten Forschern und Fachleuten verschiedener Disziplinen –, entsteht beim Publikum zwangsläufig die Erwartung, dass Vorträge und Veröffentlichungen entsprechend fundiert eingeordnet werden. Genau diese Erwartung wird aus meiner Sicht bei Weitem nicht ausreichend eingelöst.

Immer häufiger habe ich den Eindruck, dass Veröffentlichungen weniger von fachlicher Expertise als von persönlichen Einordnungen geprägt sind – Einordnungen, wie man sie in ähnlicher Form auch an vielen anderen Stellen im Internet findet. Das ist an sich nicht schlimm. Problematisch wird es für mich erst dann, wenn nicht ausreichend transparent wird, aus welcher fachlichen Perspektive ein Vortrag oder Artikel erfolgt.

Ein Beispiel, bei dem mir das vor Jahren als Erstes aufgefallen ist, ist Michael Shermer.

Beispiel Michael Shermer

Shermer hat einen B.A. in Psychologie (1976) und einen M.A. in experimenteller Psychologie (1978). Seine Promotion erfolgte 1991 in Wissenschaftsgeschichte, nicht in Psychologie. Seine heutige öffentliche Rolle ist die eines Wissenschaftsautors, Wissenschaftshistorikers, Gründers der Skeptics Society und Wissenschaftskommunikators. So beschreibt er sich selbst.

In seiner öffentlich zugänglichen Biografie und seinem Lebenslauf finden sich zahlreiche Stationen als Dozent und Autor, jedoch keine Angaben über eine Tätigkeit als klinischer Psychologe oder Psychotherapeut. Ebenso finden sich dort keine Hinweise auf spätere psychologische Fort- oder Weiterbildungen.

Shermer gehört zu den prägenden Stimmen der internationalen Skeptikerbewegung. Seine psychologischen Einordnungen genießen innerhalb dieser Bewegung ein hohes Maß an Autorität und werden häufig aufgegriffen oder zitiert. Gerade weil seine Stimme innerhalb der Skeptikerbewegung ein solches Gewicht besitzt, erscheint mir die Frage berechtigt, auf welcher fachlichen Grundlage psychologische Einordnungen erfolgen und wie transparent diese Grundlage für das Publikum erkennbar ist.


Zusatz: ☞ In dem folgenden Interview informiert Shermer darüber, dass seine Tätigkeit als experimenteller Psychologe ausschließlich im Labor stattfand. Zudem wird dem Leser deutlich, aus welchen Gründen er den psychologischen Weg nicht weiterverfolgen wollte: Interview mit Michael Shermer

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Deutsche Skeptikerszene

Skeptikervereine verstehen sich nicht als gewöhnliche Interessengemeinschaften. Sie treten mit dem Anspruch auf, wissenschaftliche Aufklärung zu fördern, Verbraucher zu schützen und kritisches Denken zu stärken. Die GWUP sieht ihre Aufgabe beispielsweise wie folgt:

„Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften ist in Deutschland als gemeinnützig anerkannt. Ihre Arbeit dient dem Gemeinwohl, da sie durch Aufklärung, Verbraucherschutz und die Förderung wissenschaftlichen Denkens der Verbreitung von Pseudowissenschaften und Verschwörungsmythen entgegenwirkt.“

Gerade weil ich diesen Anspruch bei jedem einzelnen Skeptiker-Verein ernst nehme, halte ich Transparenz für unverzichtbar. Wer wissenschaftliche Aufklärung betreibt, sollte jederzeit deutlich machen, wann gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse dargestellt werden, wann wissenschaftliche Interpretation erfolgt und wann persönliche Bewertungen oder Meinungen beginnen.

Denn: Wenn Meinungen mit einer wissenschaftlichen Tarnung vermittelt werden, fühlen sich Verbraucher am Ende nicht aufgeklärt, sondern bevormundet. Wie man so schön sagt: „Meinung kann jeder“.

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