Beitragsfoto: Blick auf die psychiatrische Station.
Ich stehe psychiatrischen Institutionen mit großem Misstrauen gegenüber. Dieses Mal jedoch machte ich sehr positive Erfahrungen.
Doch beginnen wir von vorn.
Vor drei Wochen konnten die Internisten in der Rettungsstelle trotz erhöhter Herzwerte einen Herzinfarkt ausschließen. Dennoch saß der Schock tief. Mein Körper war außerstande, sich zu beruhigen, von meiner mentalen Verfassung ganz zu schweigen. Deshalb beantragten die Ärzte ein Konsil beim psychiatrischen Dienst.
Der psychiatrische Bereitschaftsdienst veranlasste noch am selben Tag meine stationäre Aufnahme.
Als Privatpatientin wurde ich auf der Komfortstation aufgenommen. Anfangs hielt ich die angenehme Umgebung für einen nebensächlichen Umstand. Erst später verstand ich, welche Bedeutung dieser geschützte Rahmen tatsächlich für mich hatte.
In den ersten Tagen kämpfte ich vor allem darum, körperlich und seelisch wieder zur Ruhe zu kommen. Zur medikamentösen Unterstützung erhielt ich viermal täglich Tavor sowie eine zusätzliche Bedarfsmedikation. Die Dissoziationen überrollten mich immer wieder, und doch bemerkte ich etwas, das mir über Monate, vielleicht sogar Jahre hinweg verloren gegangen war.
Weite.
Raum.
Luft.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, einen geschützten Ort zu haben. Das Bett war mein Bett. Das Zimmer war mein Raum. Mein Platz. Niemand drängte sich hinein, niemand nahm ihn mir weg.
Rückblickend waren es nicht der Balkon, der Kühlschrank oder das moderne Badezimmer, die den Unterschied machten. Es war das Gefühl von Sicherheit und Selbstbestimmung, das diese Umgebung vermittelte.
Dazu kam die Art, wie mir begegnet wurde. Die Pflegekräfte arbeiteten mit einer Wärme, Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die mich tief berührte. Manchmal saß einfach jemand bei mir, wenn die Tränen nicht aufhören wollten. Manchmal genügte eine tröstende Berührung, um mir zu zeigen, dass ich nicht allein war.
Und dann war da noch der Balkon.
Der Mai zeigte sich von seiner schönsten Seite. Die Sonne schien, die Luft war mild, und wenn ich draußen saß, spürte ich etwas, das ich lange nicht mehr gespürt hatte:
Freiheit.
Grenzenlose Freiheit, in der Wind und Sonne mich spüren ließen, dass ich am Leben bin.
Ich erlebte in den Folgewochen eine Rekonvaleszenz meines Nervensystems. Die Psychologen, die Oberärztin und auch der systemische Therapeut schafften es von Beginn an, Zugang zu dem zu finden, was in mir vorging. Schon bald wurde deutlich, dass hinter meinem Zusammenbruch mehr steckte als eine akute Krise. Die Diagnose einer Traumafolgestörung erklärte vieles.
Daher wurde ich von den Gruppentherapien befreit und erhielt stattdessen zusätzliche Einzelgespräche.
Rückblickend wurde ich allem Anschein nach Zeugin eines tiefgreifenden Psychiatrie-Wandels. Es ging in diesen Einrichtungen nicht mehr nur darum, Krisen zu bewältigen, sondern darum, Menschen dabei zu unterstützen, wieder ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Hoffnung, Teilhabe, Ressourcen und persönliche Entwicklung waren nicht länger bloße Schlagworte, sondern wurden für mich im Alltag dieser Station spürbar.
Meine – inzwischen tief verschütteten – Ressourcen zeigten sich bereits nach einer Woche.
All meine inneren Stimmen, Interessen, Sehnsüchte und Gedanken, die im Alltag keinen Platz mehr hatten, kehrten langsam zurück.
Das Wohlergehen meiner Mitmenschen und meiner Lieben daheim hatte so viel Raum eingenommen, dass ich selbst dabei verloren gegangen war.
Immer ging es darum, andere Menschen und Wesen zu schützen.
Immer ging es um Verantwortung, um Präsenz, um Rettung und Aufopferung.
Jeder Verlust hat mich ganz persönlich zerstört – als wäre er meine Schuld gewesen.
Jedes Mal, wenn ich nicht in der Lage war zu retten, weil die Situation schlicht unrettbar war, hat es mich vernichtet.
Und mir das Herz gebrochen.
Seit zwei Tagen bin ich wieder zuhause.
Am Tag meiner Ankunft stand ich in meiner Wohnung und registrierte zum ersten Mal mit erschreckender Klarheit, dass ich keinen einzigen Millimeter Raum für mich habe.
Jahrzehntelang habe ich ein autonomes, selbstbestimmtes Leben geführt. Ich habe mir eine Schutzhöhle aufgebaut und wusste: Hier, in meinem Zuhause, darf ich mit all meinen Facetten sein. So, wie ich bin.
Vor wenigen Jahren kam der Einbruch, den ich erst jetzt als solchen wahrnehme.
Ich verlor immer mehr Raum, immer mehr Autonomie, immer mehr Selbstbestimmung.
Und das Schlimmste:
Während ich andere schützen musste, verlor ich genau das.
Meinen eigenen Schutz.
Meine Sicherheit.
Ich lebte in einem Klima der Gewalt und des Schreckens.
In einem Klima der Unberechenbarkeit, in dem keine Entfaltung mehr möglich war.
Ich verlor alles, was zu mir gehörte.
Ich verlor mich.
In der Klinik habe ich mich wiedergefunden.
Dafür habe ich gekämpft.
Es kostete mich Kraft.
Es kostete mich Schmerzen.
Und es geschah noch etwas anderes.
Mit der Rückkehr meiner verschütteten Ressourcen kehrte auch eine Wärme zurück, die ich lange nicht mehr gespürt hatte.
Eine Wärme, die mich auf gute Weise weinen ließ.
Eine Wärme, die mir zeigte, dass ich noch da bin.
Dass mein Leben noch nicht vorbei ist.
Dass es noch Anteile in mir gibt, die nur darauf gewartet haben, wieder Raum zu bekommen.
Wut und Widerstand führen im Moment hier zuhause nicht zum erhofften Ziel.
Doch ich werde mich festhalten.
Ich bleibe bei mir.
Weitere Fotos vom Klinikzimmer-Balkon aus findet man HIER.









