Zwischen Waschlappen und Wissenschaft
Die Neurologie steht unter Druck. Nicht, weil sie angegriffen wird, sondern weil sie versagt. Long COVID und ME/CFS entziehen sich jener Medizin, die gelernt hat, nur das zu behandeln, was sich messen, abbilden, quantifizieren lässt. Wo Marker fehlen, gerät nicht nur die Diagnostik ins Wanken, sondern die eigene Autorität. Und wie reagiert ein System, dessen Macht auf Deutungshoheit beruht? Es ersetzt Erkenntnis durch Rituale. Forschung durch Ordnung. Therapie durch Disziplin.
Im Allgäu läuft eine staatlich finanzierte Studie zur Kneipp-Hydrotherapie bei Post-COVID. Kalte Güsse. Oberkörperwaschungen um fünf Uhr morgens. Ein strenger Tagesplan nach der sogenannten Ordnungslehre. Was nach Naturheilkunde klingt, ist in Wahrheit ein Selektionsverfahren. Denn teilnehmen dürfen nur jene, die ihren Alltag „weitgehend ohne Hilfe“ bewältigen können. Schwer Erkrankte sind ausgeschlossen – nicht aus medizinischer Vorsicht, sondern aus methodischer Bequemlichkeit. Wer zu krank ist, wird nicht untersucht. Und was nicht untersucht wird, existiert im System nicht.
Dieses Vorgehen ist kein Ausrutscher. Es ist Programm. Hinter den Studien steht unter anderem Christoph Kleinschnitz, Neurologe aus Essen, spezialisiert auf Multiple Sklerose, medienpräsent, meinungsstark. Parallel zu seiner Beteiligung an Ordnungstherapie-Projekten vertritt er öffentlich die These, ME/CFS sei in den meisten Fällen psychosomatisch. Das ist keine neutrale Einschätzung, sondern eine strategische Verschiebung. Denn wer Symptome psychologisiert, entzieht sich der Verantwortung, sie biologisch erklären zu müssen. Entkörperlichung ist Machtsicherung.
Die Folgen sind konkret. Betroffene berichten von Schmerzen, Crashs, massiven Verschlechterungen, die als „Einbildung“ oder „psychische Überlagerung“ abgetan werden. Diese permanente Infragestellung zermürbt. Sie erzeugt Zweifel, Isolation, nicht selten Verzweiflung. Methodische Kritik an den zugrunde liegenden Studien existiert längst, doch sie wird ignoriert. Stattdessen tritt Kleinschnitz als Sprecher einer vermeintlich „vernünftigen Medizin“ auf – flankiert von Stiftungen und Projekten, die wissenschaftliche Seriosität simulieren, ohne sie einzulösen.
Was hier geschieht, ist mehr als schlechte Forschung. Es ist Biopolitik. Institutionen üben Macht über Körper aus, nicht durch Zwang, sondern durch Normierung. Nur wer funktional genug ist, gilt als therapierbar. Nur wer sich in den Tagesplan fügt, wird einbezogen. Kalte Güsse ersetzen Ursachenforschung. Frühes Aufstehen ersetzt Versorgung. Das ist keine Therapie, sondern ein Disziplinierungsritual. Ein Mechanismus, der jene sichtbar hält, die noch funktionieren – und jene ausblendet, die es nicht mehr können.
Die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Neurologie aus dem Sommer 2025 fügt sich nahtlos ein. Viel Text, wenig Verantwortung. Kein klares Bekenntnis zu körperlichen Ursachen. Kein ernsthafter Aufruf zur Versorgung der Schwerkranken. Stattdessen Hinweise auf psychosomatische Überlappungen, auf fehlende Evidenz, auf methodische Unsicherheiten. Das ist kein Erkenntnisgewinn. Das ist institutioneller Selbstschutz. Die Neurologie wahrt ihre Deutungshoheit, indem sie die Unklarheit verwaltet.
Wer profitiert davon? Kliniken, die entlastet werden. Politische Entscheidungsträger, die Untätigkeit legitimieren. Ein System, das verwaltbare Kranke produziert: rehafähig, ansprechbar, funktional. Und wer verliert? Die Schwerstbetroffenen. Jene, deren Körper nicht mehr gehorchen, deren Belastungsgrenzen nicht verhandelbar sind. ME/CFS ist kein Diagnosedefizit. Es ist ein Machtproblem.
Die schwer Erkrankten brauchen keine Güsse. Sie brauchen Anerkennung, Forschung, Versorgung. Eine Medizin, die ihre eigenen Grenzen nicht kaschiert, indem sie die Schwächsten pathologisiert. Was derzeit geschieht, ist keine Hilfe. Es ist Macht in Reinform. Getarnt als Fürsorge. Organisiert als Ordnung.
Und es ist gefährlich. Denn jede Aktivierung – Kälte, Bewegung, Reizexposition – kann bei ME/CFS einen Crash auslösen: eine massive, oft irreversible Verschlechterung. Dass genau diese Patient*innen aus Studien ausgeschlossen werden, schützt sie nicht. Es macht sie unsichtbar. Und liefert sie einer Versorgung aus, die mehr schadet als hilft.
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Genau diese Art von Neurologen und sonstigen Ärzten, hat mich in die hochgelobte Reha genötigt.
Vorher noch, wenn auch reduziert, Arbeitsfähig, bin ich seither AU und liege 20 bis 22 Std. des Tages, im abgedunkelten Zimmer!
Zwar haben die Ärzte in der Reha, dann ME als Folgeerkrankung von Post Covid erkannt….geschützt hat es mich nicht! War übrigens eine neurologische Reha!