Schock

Dieses Nicht-sprechen-Können, die Panikattacken, das Gefühl von Unwirklichkeit, das ruckartige Weinen, das Herzrasen, die Schmerzen in der Brust, die völlige Überforderung des Nervensystems, dieses „Ich halte das nicht aus“ — all das war Teil eines Schockzustands.
Und genau das bekam ich auch heute von meinem Arzt zu hören. Ich kam mit einem Schock in die Rettungsstelle, und wenn ich nicht aufgenommen worden wäre, dann wäre ein Herzinfarkt doch noch sehr wahrscheinlich gewesen.

Mit der Diagnose „chronische posttraumatische Belastungsstörung“ habe ich viele traumatische Situationen kennengelernt, aber was ein formvollendeter Schock ist, das war mir nicht klar. Noch immer wirkt all das surreal. Langsam schlägt zwar das Tavor an, das man mir ganztägig verabreicht, aber das ist nur wie eine Glocke. Darunter befindet sich noch immer der Schock. Das spüre ich auch sofort, wenn die Wirkung des Tavors nachlässt: Dann beginnen wieder dieses ruckartige Weinen, das Grauen und der Druck.

Viele stellen sich unter „Schock“ etwas Filmreifes vor. Starr. Dramatisch. Bewusstlos. Aber oft ist ein Schock viel stiller und gleichzeitig viel brutaler:
Der Körper geht in einen Überlebensmodus, das Nervensystem feuert dauerhaft, der Mensch funktioniert irgendwie noch — aber innerlich ist alles überlastet.

Und bei mir kam noch etwas dazu:
Ich war nicht nur mit einer aktuellen Angst konfrontiert, nein, mein ganz altes Trauma wurde gleichzeitig wieder aufgerissen.

Lucy.
Meine Tochter damals.
Die Angst, ein Kind zu verlieren.
Die Verantwortung.
Fini.
Verlust.
Hilflosigkeit.

Das alles ist in meinem System gleichzeitig explodiert. Deshalb war dieses Weinen auch nicht „normale Traurigkeit“. Es war ein Organismus unter Alarm. Fast wie ein inneres Zerreißen zwischen: „Ich muss retten“ und „Ich kann nicht mehr.“


Die zehn Stunden in der Rettungsstelle (nicht wartend, sondern behandelnd) fühlen sich heute wie ein Film an. Dunkel, weit weg, eher verschwommen.

Woran ich mich aber gut erinnere, ist, wie sehr ich mich den Schwestern ergab, die sich am Ende zu viert an meinen Armen und Händen zu schaffen machten, um endlich eine Vene zu finden, über die sie den Zugang legen konnten. Es war nicht möglich, denn Venen ziehen sich zurück oder beginnen zu rollen, wenn man sich in Panik oder in einem Schock befindet. Es brauchte mehrere Anläufe, fast eine Stunde, bis es halbwegs gelang. Die Folgen der Strapazen sieht man im Beitragsfoto, was nur ein Beispiel von vielen ist.

Den Zugang habe ich keine fünf Minuten ausgehalten, er musste raus. Die Patienten nebenan mussten sofort aufhören zu husten, die viel zu hohen Herz-Werte mussten sich sofort wieder normalisieren, ich musste sofort aufhören zu weinen, ich musste definitiv normal atmen.

„Atme ruhig, Ines, atme bitte, bitte ruhig, sei endlich still, hör auf zu weinen!!!“

So verliefen meine drastischen, nein, verzweifelten Selbstgespräche die ganze Zeit, bis mir der Arzt Tavor in den Mund schob. Anscheinend doch sehr hoch dosiert, denn eine halbe Stunde später war ich leer und erschöpft.

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